Man muss sich das einmal vorstellen: Da draußen passiert etwas – ein Krieg, ein Gipfel, eine Wahl oder auch nur ein umgefallener Sack Reis in Peking – und die erste Sorge der Edelfedern in den verglasten Palästen von Hamburg und Berlin ist nicht etwa, was geschehen ist, sondern was Sie, der geneigte Leser, bitteschön dabei zu empfinden haben. Es ist das Zeitalter der „Einordnung“, ein Euphemismus für die präventive Entmündigung des Publikums. Im GEZ-TV und in den Spalten der Qualitätspresse sitzen junge Menschen, die oft kaum unfallfrei ein unbezahltes Praktikum absolviert haben, aber sich völlig sicher sind, dass der Rest der Bevölkerung ohne ihre moralischen Wegweiser sofort im finsteren Wald des „Populismus“ verloren ginge. Diese journalistischen Kindergärtner behandeln den Leser wie einen Dreijährigen, dem man erklären muss, dass das Feuer heiß ist und man den Onkel mit der falschen Meinung nicht mit dem Spielzeugauto bewerfen darf – oder besser noch: dass man ihm gar nicht erst zuhören sollte.

Die Botschaft hinter jedem dieser „Einordnungs“-Stücke ist so simpel wie beleidigend: Ihr seid zu dumm. Ihr seid zu emotional, zu ungebildet oder schlichtweg zu gefährlich, um mit den Fakten allein gelassen zu werden. Fakten sind für den modernen Haltungsjournalisten wie rohes Fleisch für einen Stubentiger – man muss sie erst kochen, würzen und in mundgerechte Stücke schneiden, damit sich keiner den Magen an der Wahrheit verdirbt. Wenn zum Beispiel ein Ereignis nicht in das liebevoll gepflegte Narrativ der bunten Fortschrittswelt passt, dann wird nicht etwa das Narrativ korrigiert, sondern die Realität so lange „eingeordnet“, bis sie die Form einer staatstragenden Pressemitteilung annimmt. Da liest man dann Sätze, die so klebrig von moralischer Überlegenheit sind, dass man danach die Hände waschen möchte, nur um sicherzugehen, dass man nicht versehentlich mit der Meinung des Autors infiziert wurde.

Es ist eine Form der intellektuellen Schutzhaft. Man möchte uns vor „Hate Speech“, vor „Desinformation“ und vor allem vor dem eigenen kritischen Verstand bewahren. Der Journalist von heute sieht sich nicht mehr als Schiedsrichter, der die Regeln des Spiels überwacht, sondern als Trainer, Fanclub-Vorsitzender und gleichzeitig als Gottvater, der entscheidet, wer überhaupt auf den Platz darf. Jede Nachricht wird mit einem Beipackzettel geliefert, der uns vor den Nebenwirkungen des Selberdenkens warnt. Dass dieser Hochmut oft direkt in die eigene Bedeutungslosigkeit führt, merken die Protagonisten der „Qualitätspresse“ seltsamerweise erst dann, wenn die Abonnenten weglaufen – was sie dann natürlich auch wieder „einordnen“ müssen, meistens als Folge einer mysteriösen, rechtsextremen Verschwörung statt als Reaktion auf die eigene Langeweile.

Besonders perfide wird es, wenn diese Einordnungskünstler so tun, als würden sie uns vor der Komplexität der Welt retten. Die Welt ist nämlich furchtbar kompliziert, wissen Sie? So kompliziert, dass nur ein studierter Geisteswissenschaftler mit einem Hang zur Selbstgerechtigkeit sie durchschauen kann. Während der Klempner, die Krankenschwester oder der Ingenieur tagsüber Dinge tun, die tatsächlich funktionieren müssen, haben die Einordner Zeit, über die korrekte Auswahl der Adjektive zu grübeln, die uns sagen, ob ein Ereignis nun „historisch“, „besorgniserregend“ oder schlicht „notwendig“ ist. Es ist die Arroganz derer, die nichts produzieren außer heißer Luft, sich aber für die meteorologische Instanz des gesellschaftlichen Klimas halten. Man serviert uns die Welt als Püree, weil man uns die Zähne nicht zutraut, das Original zu kauen.

Am Ende führt diese betreute Berichterstattung zu einer seltsamen Form der Stille. Wenn alles schon fertig eingeordnet, gewogen und für zu leicht befunden wurde, wozu dann noch diskutieren? Wir leben in einer Gesellschaft der Echos, in der die Redaktionen in einen Wald rufen, den sie selbst gepflanzt haben. Wer sich weigert, die journalistischen Stützräder zu montieren, wird als „schwieriger Fall“ markiert. Es ist die totale Kapitulation vor der Mündigkeit des Individuums. Eigentlich müsste auf jedem Fernseher und jeder Zeitung ein Warnhinweis prangen: „Vorsicht, dieser Inhalt könnte Spuren von Fakten enthalten, die Ihre voreingestellte Meinung gefährden – bitte warten Sie auf die offizielle Einordnung durch Ihren sympathischen Moderator.“ Aber solange wir brav nicken und uns die Welt vorkauen lassen, haben die Kindergärtner in den Redaktionen wenigstens einen sicheren Job – und wir die Gewissheit, dass wir niemals erwachsen werden müssen.