Es ist eine jener Schlagzeilen, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss, bevor man sie vor Lachen wieder ausspuckt: Die Ukraine verteidigt den Frieden in Europa durch den massiven Beschuss einer Millionenmetropole. Wer geglaubt hat, Pazifismus funktioniere nur durch Sitzblockaden und Lichterketten, wird nun eines Besseren belehrt. Man schickt hunderte Drohnen gen Kreml, trifft Ölraffinerien und lässt Flughäfen schließen, nur um uns anschließend mit einer WhatsApp-Sprachnachricht zu erklären: „Wenn die Ukraine brennt, wird auch Moskau brennen.“ Ein logischer Schluss, den man sonst nur aus dem Sandkasten kennt, der aber im diplomatischen Parkett von Luxemburg und Brüssel als „gerechtfertigte Reaktion“ beklatscht wird. Es ist der ultimative Realitätsverlust einer politischen Klasse, die den Unterschied zwischen Brandstiftung und Brandbekämpfung längst im Aktenstapel für „europäische Werte“ verloren hat.
Man muss sich die Absurdität dieser „Friedensmission“ einmal vor Augen führen: Da wird eine Ölraffinerie im Stadtteil Kapotnja fachgerecht zerlegt, damit die Moskauer Tankstellen leer bleiben, und im selben Atemzug kündet man vom baldigen Ende des Krieges durch „diplomatische Schritte“. Es ist, als würde man versuchen, eine Ehekrise durch das fachmännische Inbrandsetzen des gemeinsamen Wohnzimmers zu lösen, während man gleichzeitig über die Farbe der neuen Gardinen verhandelt. Dass dabei nach Berichten der Süddeutschen Zeitung auch Wohnhäuser getroffen werden und die russische Luftabwehr in ihrer Verzweiflung einen Gartenfachmarkt pulverisiert, ist dann wohl nur der „chirurgische Kollateralschaden“ einer neuen, woken Kriegsführung, die uns als Stabilitätsgarant verkauft wird.
Besonders rührend ist dabei die Rolle der Bundesregierung. Boris Pistorius, unser ewig lächelnder Verwalter des deutschen Mangels, unterzeichnet in Brüssel munter Übereinkommen zur gemeinsamen Raketenabwehr, während Deutschland sich mit hunderten Millionen an neuen Waffenkäufen beteiligt, wie ZEIT ONLINE berichtet. Wir finanzieren also die Drohnen, die den Frieden so gründlich „verteidigen“, dass man in Moskau bald gar kein Licht mehr braucht, weil der Himmel von brennenden Öltanks hell genug erleuchtet ist. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet jene Nationen, die sonst bei jedem falsch entsorgten Joghurtbecher eine ökologische Katastrophe wittern, nun tatenlos zusehen, wie im Osten „Öl in Moskau regnet“, wie es die BILD-Zeitung so poetisch beschreibt.
Selenskyj, der moderne Robin Hood im olivgrünen Fleece, nutzt das Momentum des G7-Gipfels, um den Russen zu empfehlen, „endlich aufzuwachen“ und Druck auf ihren Führer auszuüben. Das ist natürlich ein genialer Plan: Nichts motiviert eine Bevölkerung mehr zum Umsturz, als wenn man ihr das Benzin für den Weg zur Arbeit und das Dach über dem Kopf wegbombt. Es ist eine psychologische Kriegsführung aus dem Lehrbuch für Fortgeschrittene – oder für Wahnsinnige. Man droht mit weiteren massiven Schlägen, falls Putin nicht einlenkt, und verkauft dies als „Signalwirkung“ für den Frieden. Wenn das die neue Diplomatie ist, dann war der Dreißigjährige Krieg wahrscheinlich auch nur eine etwas hitzig geführte Nachbarschaftsstreitigkeit über die korrekte Grenzziehung von Äckern.
Die Doppelmoral dieser Tage schreit förmlich zum Himmel, der dank der mehr als 500 abgefeuerten Drohnen ohnehin recht gut gefüllt ist. Während wir uns in Deutschland über die strategische Autonomie Europas den Kopf zerbrechen, schafft Kiew Fakten, die uns alle tiefer in den Sumpf ziehen, als uns lieb sein kann. Dass dabei sogar ein Reisebus mit Kindern in der Grenzregion Brjansk getroffen worden sein soll, wird in den westlichen Qualitätsmedien eher als Randnotiz behandelt oder als russische Propaganda abgetan, während jeder Drohnentreffer auf eine russische Destillationsanlage wie der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft gefeiert wird.
Wir befinden uns in einer Phase der kollektiven Selbsttäuschung, in der die Eskalation zur Deeskalation umgelogen wird. Wer glaubt, dass hunderte Drohnen über einer Weltstadt wie Moskau den Weg zum Verhandlungstisch ebnen, der glaubt wahrscheinlich auch, dass man einen Waldbrand mit einem Flammenwerfer löschen kann. Die einzige „Führungsrolle“, die Deutschland hier übernimmt, ist die des großzügigen Zahlmeisters für ein Feuerwerk, dessen Funkenflug wir längst nicht mehr kontrollieren können. Während in Brüssel die Champagnerkorken knallen, weil man Putin „fühlen“ lassen will, dass der Krieg sinnlos sei, steigen in Moskau die Rauchsäulen auf – und mit ihnen die Hoffnung, dass dieser Wahnsinn bald ein Ende findet, ohne dass ganz Europa in den Flammen des ukrainischen „Friedensstifters“ aufgeht.
Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Wir verteidigen den Frieden nicht, wir verwalten lediglich die neuesten Trümmerfelder und verkaufen den Schutt als Bausteine für eine neue Sicherheitsarchitektur. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, bei dem die Streichhölzer aus Kiew kommen und das Benzin direkt aus den brennenden Raffinerien von Gazprom. Man kann nur hoffen, dass der „Weckruf“, den Selenskyj an die Russen richtet, nicht am Ende uns alle aus den Federn schmeißt, wenn der Krieg die klimatisierten Räume von Luxemburg und Berlin erreicht.


