Der Journalismus am Küniglberg scheint in seinen Grundfesten zu erbeben, sobald die journalistische Elite auf eine Konkurrenz trifft, die sich nicht an das ungeschriebene Gesetz der ideologischen Konformität hält. Armin Wolf, der selbsternannte Wächter über das, was Österreich für wahr zu halten hat, konnte sich bei einem Posting auf der Plattform Bluesky nicht zurückhalten und feuerte eine Breitseite gegen Eva Schütz ab, die als Herausgeberin des österreichischen Exxpress für die Position des ORF-Generaldirektors kandidiert. Wolf bezeichnete das Medium ohne Umschweife als „rechte, rassistische Fake-News-Schleuder“ und ließ keinen Zweifel daran, dass ihm die bloße Nominierung der ehemaligen Medienmanagerin für den Chefsessel ein „ratloses“ Entsetzen abringt, wie unter anderem auf Leadersnet nachzulesen ist. Dieses Gebaren ist bezeichnend für eine Zunft, die Moral und Meinungshoheit als Synonyme betrachtet und ihre eigene Voreingenommenheit stets als objektive Wahrheit verkauft.

Was als kleiner, digitaler Ausbruch am Feierabend gedacht war, hat nun die obersten Stockwerke des ORF erreicht. Generaldirektorin Ingrid Thurnher sah sich aufgrund einer Beschwerde des ORF-Stiftungsrats Peter Westenthaler dazu genötigt, eine offizielle Prüfung einzuleiten, ob diese Social-Media-Eskapade des prominentesten ORF-Gesichts gegen den strengen Ethikkodex verstößt, der die Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Senders eigentlich zur Neutralität mahnt, wie der Kurier berichtet. Es ist ein amüsantes Theaterstück: Ein Journalist, der tagtäglich von Politikern Transparenz und Distanz einfordert, findet sich nun selbst als Objekt einer internen Untersuchung wieder, weil er die Grenzen des eigenen Regelwerks offenbar für unverbindliche Empfehlungen hielt, die man getrost ignorieren darf, solange man die richtige Gesinnung vertritt, wie es auch die Kleine Zeitung dokumentiert.

Man muss sich unweigerlich fragen, ob die Aufregung am Küniglberg wirklich der Sorge um die Objektivität gilt oder bloß einer tiefsitzenden Angst vor dem Kontrollverlust entspringt. Wolfs Verteidiger aus den eigenen Reihen argumentieren sogleich mit einer „sachlichen Begründung“ durch Screenshots, die rassistische Kommentare unter Beiträgen des Exxpress zeigen sollen, worüber auch Nachrichten.at berichtet. Dass die Moderation in Kommentarspalten ein unlösbares Problem für nahezu alle Medienhäuser – inklusive des ORF selbst – darstellt, scheint in dieser moralischen Empörung keine Rolle zu spielen, denn hier wird offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen, um einen ungeliebten Konkurrenten aus dem Rennen zu nehmen.

Es ist symptomatisch, dass gerade jener Moderator, der mit einem Finger auf jeden deutet, der nicht in sein Weltbild passt, bei einem kurzen „Blick in den Spiegel“ einen massiven internen Abwehrmechanismus auslöst. Während sich Wolf „erstaunt“ gibt, reibt sich das politische Lager der FPÖ die Hände und sieht seine Kritik am ORF-System als geschlossene Anstalt einmal mehr bestätigt, wie bei Oe24 nachzulesen ist. Die Debatte um den „Fake-News“-Vorwurf ist längst zur rhetorischen Keule geworden, mit der man Andersdenkende aus dem Spiel befördert, noch bevor diese überhaupt ihre Konzepte präsentieren können; eine Taktik, die eher an einen inquisitorischen Prozess erinnert als an einen fairen Wettbewerb der Ideen.

Dass Schütz zudem bereits rechtlich gegen das Etikett vorgehen könnte, macht die Angelegenheit für das ORF-Management noch unangenehmer, denn am Ende könnte ein Gericht klären müssen, was eine „Schleuder“ genau ist und wo die Grenze zwischen berechtigter Medienkritik und diffamierender Meinungsmache verläuft. Hier zeigt sich die ganze Armseligkeit des aktuellen Diskurses: Sobald ein Medium nicht den gewohnten Einheitsbrei serviert, wird es zur „Schleuder“ deklariert, während die eigenen Verfehlungen, die unter dem Deckmantel des „Ethikkodex“ kaschiert werden, als notwendige journalistische Einordnung verteidigt werden.

Man fragt sich, wo die Empörung geblieben wäre, hätte ein Journalist eines privaten Senders einen Grünen-nahen Kandidaten in gleicher Weise öffentlich als „ideologische Propagandamaschine“ gebrandmarkt. Die schützende Hand, die nun aus eigenen Reihen über Wolf gehalten wird, spricht Bände über das, was man am Küniglberg unter „Ethik“ versteht: nämlich ein Regelwerk, das primär dazu dient, die eigenen Pfründe zu sichern und jede Störung von außen effektiv zu minimieren.

Wenn Armin Wolf nun darüber schwadroniert, dass ihn die Nominierung im Stiftungsrat „ratlos“ macht, so offenbart er vor allem seine eigene Ratlosigkeit in einer Medienlandschaft, in der er nicht mehr das exklusive Privileg besitzt, die öffentliche Meinung zu definieren. Die Ära der alleinigen Deutungshoheit ist längst Geschichte, auch wenn man sie in den Gängen des ORF mit Zähnen und Klauen verteidigt.

Am Donnerstag wählt der Stiftungsrat, und die Personalie Schütz ist dabei nur das sichtbarste Symptom eines tief sitzenden Konflikts. Es geht keineswegs nur um den Exxpress, es geht um den verlorenen Anspruch auf eine absolute Wahrheit, die durch den Vorfall nun erst recht offen in der Sackgasse gelandet ist. Man darf gespannt sein, ob diese Prüfung eine Farce bleibt oder ob der ORF den Mut findet, sich einmal kritisch mit seinen eigenen Stars auseinanderzusetzen, statt nur Kritik von außen als „Fake News“ abzutun.