Wer sich in Évian-les-Bains versammelt hat, spielt das verblassende Theater der Macht mit einer Ernsthaftigkeit, die fast schon rührend wirkt. Man gibt Erklärungen ab, man beschwört den „gemeinsamen Geist“ und man lädt sich Partnerländer ein, um die schrumpfende eigene Relevanz hinter einer Fassade von Multilateralismus zu kaschieren. Der G7-Klub, ein Relikt aus Zeiten, in denen die Welt eine übersichtliche Angelegenheit für den Westen war, kämpft verzweifelt gegen seine eigene Obsoleszenz an. Dabei offenbart jeder Handschlag, jede offizielle Pressemitteilung und jedes vermeintliche Einigkeitssymbol nur die klaffenden Risse innerhalb des eigenen Lagers.

Das inszenierte Märchen der Einigkeit

Die offizielle Rhetorik ist so abgestanden, dass man sie kaum noch als Nachricht bezeichnen kann: Man sei sich einig beim Ukraine-Druck, man müsse die Abhängigkeit von China reduzieren und natürlich – irgendwie – die Welt retten. Doch hinter den Kulissen der luxuriösen Kongresssäle sieht die Realität völlig anders aus. Da sitzt ein US-Präsident Trump, der den ganzen Laden mit seiner „I am the boss“-Attitüde vorführt, und europäische Regierungschefs, die wie Statisten in einem Stück agieren, dessen Drehbuch sie nicht geschrieben haben.

Diese „Einigkeit“ ist eine reine Schutzbehauptung, um vor der eigenen Bevölkerung Handlungsfähigkeit vorzutäuschen. In Wahrheit scheitern diese G7-Formate an der eigenen Unfähigkeit, die drängenden geopolitischen Realitäten außerhalb des westlichen Filter-Bubbles anzuerkennen. Während man in Évian über Sanktionen und Rohstoff-Quoten fantasiert, haben sich die ökonomischen Gewichte längst in Richtung BRICS-Staaten verschoben, die über den Gipfel wahrscheinlich eher schmunzeln, als ihn ernsthaft zu fürchten.

Der globale Süden am Katzentisch

Es ist ein geradezu groteskes Schauspiel, wenn man Vertreter aus Indien, Brasilien oder Kenia einlädt, um ihnen das eigene Regelwerk vorzubeten. Der „Globale Süden“ soll hier nicht mitmischen, er soll sich einordnen. Das G7-Format zelebriert die Illusion, dass die sieben reichsten Nationen – oder die, die sich dafür halten – immer noch den Kurs für den Rest des Planeten vorgeben dürften. Doch diese Zeiten sind vorbei, auch wenn es Bundeskanzler Merz & Co. in ihren Statement-Marathons noch so sehr ausblenden wollen.

Die Strategie, Rohstoffabhängigkeiten durch „Partnerländer“ zu diversifizieren, ist das Eingeständnis der eigenen Schwäche. Man versucht verzweifelt, die Kontrolle über Lieferketten zurückzugewinnen, die man über Jahrzehnte durch reinen Profitzwang selbst in die Hände von Rivalen gelegt hat. Jetzt wird so getan, als sei das eine geopolitische Notwendigkeit, während es in Wahrheit der Zusammenbruch einer jahrzehntelangen, blauäugigen Handelsideologie ist.

Ukraine, KI und der Rüstungswahn

Auf der Agenda steht natürlich der „Kampf gegen Russland“ ganz oben, garniert mit dem neuen Spielzeug, der Künstlichen Intelligenz. Dass man dabei den Plan verfolgt, die Rüstungsproduktion künstlich hochzupumpen und mittels Lizenzen in Europa und der Ukraine das militärische Pulverfass weiter zu füllen, wird als notwendige Friedenssicherung verkauft. Es ist die alte Masche: Man gießt Öl ins Feuer und nennt es Löschmaßnahme.

Die Diskussionen um KI-Modelle und Rüstungsschutz zeigen, dass es hier vor allem um technologische Kontrolle und den Erhalt der eigenen Vormachtstellung geht. Die Rhetorik der „Demokratischen Werte“, die man in Évian so fleißig pflegt, ist in Wirklichkeit ein Deckmantel für einen harten, strukturellen Überlebenskampf westlicher Industriebasen. Es geht längst nicht mehr um Freiheit – es geht um Ressourcen, Patente und die Kontrolle über die Daten der Welt.

Ein Ende ohne Würde

Die Gipfel von Évian markieren den Punkt, an dem die westliche Politik ihr Kontakt zur Realität komplett verloren hat. Wenn man glaubt, mit einem weiteren „neuen Anlauf“ zur Einigkeit die globalen tektonischen Verschiebungen stoppen zu können, dann ist das keine Politik mehr, sondern reine Nostalgie. Die Geschichte wird nicht in den Schweizer oder französischen Alpen geschrieben, sondern viel weiter östlich und südlich.

Wer in Évian nach Lösungen sucht, wird dort nur die Spiegelbilder der eigenen Verdrängung finden. Der G7-Gipfel ist das, was passiert, wenn man keine echten Antworten auf eine multipolare Welt hat: Man trifft sich, man lächelt in die Kameras und man hofft inständig, dass das Publikum nicht bemerkt, dass man bereits den Verstand verloren hat.