Es ist wieder einmal so weit auf der Insel der Glückseligen, oder besser gesagt, auf der Insel des politischen Stuhlkreis-Wahnsinns. Der britische Premierminister hat das Handtuch geworfen, eine Geste, die in London mittlerweile so alltäglich ist wie der Five-o’clock-Tea, nur deutlich weniger bekömmlich. Man muss sich die britische Politik wie eine Drehtür vorstellen, bei der die Insassen so schnell wechseln, dass man kaum Zeit hat, sich die Gesichter zu merken, geschweige denn ihre Programme zu lesen. Wie n-tv treffend analysiert, ist die Zerstörung des politischen Personals in Großbritannien mittlerweile zu einem nationalen Sport geworden, der wohl bald olympisch wird. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, ein demokratisches Roulette, bei dem am Ende immer der Bürger verliert, während die Akteure in Westminster ihre eigene Unfähigkeit als heroischen Rücktritt verkaufen.

Man könnte fast Mitleid haben, wäre es nicht so herrlich grotesk. Die Ära, in der Regierungsverantwortung noch mit einer gewissen Stabilität einherging, ist längst einer volatilen Form der Selbstzerstörung gewichen. Es ist ein Trauerspiel in vielen Akten, bei dem das Publikum – also wir, die wir von außen zusehen – längst den Überblick verloren hat, wer eigentlich gerade den Tee einschenkt und wer ihn schon wieder verschüttet hat. Die Tagesschau berichtet zwar pflichtbewusst über die Nachfolgegerüchte und die internen Querelen bei Labour, doch hinter den Kulissen spielt sich das wahre Drama ab: Die vollkommene Entfremdung einer politischen Klasse, die glaubt, das Land sei ein Reagenzglas für ihre ideologischen Experimente, die allesamt nach dem gleichen Muster scheitern.

Besonders amüsant ist dabei das Gebaren der sogenannten „Qualitätspresse“. Diese Zunft, die sich für das Gewissen der Nation hält, versucht nun krampfhaft, den Abgang des Premiers als notwendigen Reinigungsprozess oder gar als mutigen Akt der Erneuerung zu verkaufen. Man liest von „neuen Chancen“, „frischem Wind“ und „historischer Weichenstellung“, während man sich hinter der Tastatur die Augen reibt. Es ist die alte Masche: Wenn das Schiff sinkt, schreibt man eben, dass der Kapitän das Deck besonders ästhetisch verlassen hat. Diese mediale Schönfärberei ist der letzte Akt der Verzweiflung einer schreibenden Zunft, die nicht ertragen kann, dass das, was sie jahrelang als alternativlos und brillant gefeiert hat, nun sang- und klanglos im Mülleimer der Geschichte gelandet ist.

Was bleibt, ist die Frage nach der Substanz. In einer Welt, in der politische Entscheidungen nur noch nach der Halbwertszeit einer Schlagzeile getroffen werden, ist langfristiges Regieren zu einer Unmöglichkeit geworden. Die britische Politik hat sich in ein System verwandelt, das nur noch durch den permanenten Krisenmodus existiert. Man wechselt das Personal aus, um das System zu retten, merkt aber nicht, dass es das System selbst ist, das die Leute zermürbt. Es ist ein geschlossener Kreislauf aus Ambition, Inkompetenz und dem verzweifelten Versuch, die eigene Machtbasis zu sichern, bevor der nächste Skandal die nächste Rücktrittsforderung auslöst.

Man muss sich das einmal vor Augen führen: In den letzten zehn Jahren hat das Vereinigte Königreich eine Fluktuation an Regierungschefs erlebt, die jeden Start-up-Gründer vor Neid erblassen ließe, wobei der Unterschied darin besteht, dass ein Start-up bei derartiger Performance pleite wäre und die Gründer aus dem Silicon Valley verbannt würden. In Westminster hingegen wird man mit einer Pension und einem Platz im Oberhaus belohnt. Es ist ein System der Belohnung für das Scheitern, eine Karikatur der Demokratie, bei der die Wähler nur noch Statisten in einem Stück sind, das sie weder bestellt haben noch abbestellen können.

Zum Abschluss bleibt nur die bittere Erkenntnis, dass sich an der britischen Krankheit so schnell nichts ändern wird. Solange die politische Elite mehr Energie in die eigene Selbsterhaltung investiert als in das Wohl des Landes, wird die Drehtür in 10 Downing Street weiter rotieren. Der Rücktritt ist nicht der Anfang vom Ende, sondern lediglich ein weiterer Dienstag im britischen Tollhaus. Man darf gespannt sein, welcher nächste Darsteller auf die Bühne tritt, um uns die gleiche alte Geschichte von der „neuen Ära“ zu erzählen, bevor er in sechs Monaten ebenfalls das Weite sucht.