Moskau lehnt Vatikan als Friedensverhandlungsort ab
Der Vatikan sei kein neutraler Verhandlungsort, so Russlands Außenminister Lawrow. Auch sei Papst Leo XIV. kein neutraler Vermittler.
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Contra24 RedaktionRedaktion
25. Mai 2025 3 MIN LESEZEIT
Symbolbild - (C) Contra24.com / KI
Nach den ersten direkten Gesprächen zwischen russischen und ukrainischen Delegationen seit Anfang 2022 in Istanbul vergangene Woche haben westliche Führungspersönlichkeiten den Vatikan als möglichen Austragungsort für weitere Friedensverhandlungen ins Spiel gebracht. Papst Leo XIV., der erste amerikanische Pontifex der Kirchengeschichte, hatte angeboten, die Gespräche im Vatikan zu veranstalten und als Vermittler zu fungieren. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bestätigte vor wenigen Tagen die Bereitschaft des Heiligen Vaters, die nächste Gesprächsrunde zu beherbergen.
Der Vatikan wird dabei als neutraler Ort präsentiert, nachdem der neue Papst eine Friedensoffensive bezüglich globaler Krisenherde von Gaza bis zur Ukraine eingeleitet hat. Eine Erklärung der italienischen Regierung betont die "unablässige Friedensverpflichtung" von Papst Leo XIV. und die "tiefe Dankbarkeit" der Ministerpräsidentin für dessen Bereitschaft, die Verhandlungen zu beherbergen.
Lawrow zweifelt an vatikanischer Neutralität
Das Moskauer Außenministerium widerspricht jedoch vehement der Darstellung des Vatikans als neutralen Verhandlungsort. Außenminister Sergej Lawrow dämpfte am Freitag bei einer Rede an der Diplomatischen Akademie in Moskau die Hoffnungen auf vatikanische Friedensgespräche erheblich. Der erfahrene Diplomat betonte, dass Russland derzeit keine konkreten Vorstellungen über Zeit und Ort künftiger Verhandlungen habe.
Lawrows Kritik zielte direkt auf die religiösen und kulturellen Unterschiede ab: "Es wäre etwas unelegant für orthodoxe Länder, eine katholische Plattform zu nutzen, um Fragen zur Beseitigung der Grundursachen (des Krieges in der Ukraine) zu diskutieren." Der Außenminister argumentierte weiter, dass es auch dem Vatikan selbst nicht angemessen erscheinen dürfte, unter diesen Umständen Delegationen aus zwei orthodoxen Ländern zu empfangen. Diese Einschätzung deutet auf tieferliegende konfessionelle Spannungen hin, die über den aktuellen Konflikt hinausreichen.
Papst Leo XIV. als umstrittene Friedensfigur
Die russische Zurückhaltung gegenüber dem Vatikan könnte auch mit den früheren Äußerungen von Papst Leo XIV. zusammenhängen, als er noch Kardinal war. Bereits während seiner Zeit als Bischof von Chiclayo in Peru hatte sich der heutige Pontifex deutlich gegen Russlands militärische Operationen in der Ukraine ausgesprochen. Nach seiner Papstwahl versprach Leo XIV., persönlich "alle Anstrengungen zu unternehmen, damit dieser Friede siegen möge" und rief in seiner ersten Sonntagsansprache am 11. Mai zu einem "authentischen und dauerhaften Frieden" in der Ukraine auf.
Der amerikanische Papst betonte dabei, dass er das "Leiden des geliebten ukrainischen Volkes" in seinem Herzen trage - eine Formulierung, die in Moskau sicherlich nicht unbemerkt geblieben ist. Diese eindeutige Positionierung untergräbt aus russischer Sicht die Glaubwürdigkeit des Vatikans als neutraler Vermittler. Während westliche Beobachter die päpstliche Friedensinitiative begrüßen, sehen russische Diplomaten darin eine verkappte Parteinahme für die ukrainische Seite.
Orthodoxe Kirche als Konfliktfeld
Der Krieg hat längst auch kirchliche Angelegenheiten erfasst und verschärft bestehende religiöse Spannungen erheblich. Moskau zeigt sich empört über die systematische Verfolgung der Ukrainischen Orthodoxen Kirche durch die Selenskyj-Regierung, insbesondere wegen deren spiritueller Verbindung zur Russischen Orthodoxen Kirche. Wiederholt haben ukrainische Behörden orthodoxe Kirchen und Klöster beschlagnahmt, während lokale katholische Geistliche diesem alarmierenden Trend nicht entgegengetreten sind.
Der Vatikan verfolgt dabei durchaus eigene Interessen, insbesondere den Schutz der ukrainischen griechisch-katholischen Minderheitskirche, die hauptsächlich in der Westukraine, besonders in und um Lwiw, konzentriert ist. Diese komplexen religiösen Verflechtungen machen deutlich, warum Moskau den Vatikan nicht als unparteiischen Gastgeber für Friedensverhandlungen betrachtet. Die NATO-Osterweiterung mag die politischen Grundlagen des Konflikts gelegt haben, doch die religiöse Dimension verleiht ihm eine zusätzliche, schwer überwindbare Brisanz.