Frankreichs wirtschaftlicher Zustand lässt sich kaum noch beschönigen. Die Staatsverschuldung ist innerhalb eines Jahrzehnts in Bereiche vorgedrungen, die man bisher nur bei Südländern wie Griechenland oder Italien vermutete. Gleichzeitig stiegen die laufenden Haushaltsdefizite in eine Größenordnung, die weder durch Konjunkturschwankungen noch durch Sondereffekte zu erklären ist. Allein im vergangenen Jahr wurden laut offizieller Statistik über sechs Prozent Neuverschuldung verbucht – doppelt so viel wie die EU erlaubt. Und eine Trendumkehr ist nicht in Sicht.

Der politische Handlungswille fehlt. Die Regierung unter Präsident Macron hat jegliche Autorität verloren, seitdem die Legislative tief gespalten ist. Wichtige Reformvorhaben, etwa bei Renten oder im Arbeitsrecht, scheiterten am Widerstand der Opposition und den blockierenden Kräften in den Gewerkschaften. Die Folge ist ein lähmender Status quo, in dem Ausgaben weiter steigen, ohne dass Einnahmen nachhaltig gesichert wären. Die berühmte französische Bürokratie bleibt unangetastet – und frisst fast 60 Prozent des BIP.

Der Finanzsektor beginnt, erste Konsequenzen zu ziehen. Die Risikoprämien für französische Staatsanleihen steigen, Investoren fordern immer höhere Renditen für ihre Bereitschaft, der Republik noch Geld zu leihen. Private Kapitalflucht ist kein Gerücht mehr, sondern dokumentierter Fakt: Vermögende Franzosen bringen ihr Geld zunehmend außer Landes, während ausländische Investoren auf Abstand gehen. In den Banken mehren sich Gerüchte über interne Risikoanalysen, die Frankreich nicht mehr als stabilen Anker betrachten, sondern als potenziellen Auslöser der nächsten Eurokrise.

Ein neuer Aspekt dieser Entwicklung liegt in der psychologischen Komponente: Frankreich galt lange als unantastbar, als konstitutioneller Pfeiler der Eurozone. Dass nun gerade dieses Land ins Wanken gerät, erschüttert das Vertrauen in den gesamten Währungsverbund. Die Frage steht im Raum, ob der Euro überhaupt in der Lage ist, ein wirtschaftlich taumelndes Schwergewicht aufzufangen – oder ob er daran zerbrechen wird.

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Brüssel schweigt – und die EZB zögert

Während Paris in einer Mischung aus Arroganz und Ratlosigkeit verharrt, bleibt auch aus Brüssel bislang jede klare Reaktion aus. Zwar hat die EU-Kommission formal ein Verfahren wegen übermäßiger Defizite eingeleitet, doch ernsthafte Sanktionen sind nicht zu erwarten. Zu groß ist die politische Brisanz, zu fragil die gesamteuropäische Lage. Ein offener Konflikt mit Paris würde das ohnehin schwindende Vertrauen in die Gemeinschaft weiter beschädigen.

Die Europäische Zentralbank wiederum sitzt in der Falle. Würde sie französische Anleihen in großem Stil aufkaufen, wie sie es einst bei Griechenland und Italien tat, entstünde ein Glaubwürdigkeitsproblem. Schließlich war die EZB lange Zeit bemüht, ihre Rolle als fiskalischer Rettungsanker zu relativieren. Andererseits kann sie auch nicht tatenlos zusehen, wie Frankreich in den Sog eines Marktmisstrauens gerät, das rasch auf Spanien, Belgien oder selbst Deutschland übergreifen könnte.

In dieser Gemengelage aus fiskalischer Verantwortungslosigkeit, politischer Blockade und institutioneller Feigheit droht der Eurozone ein strategischer Kontrollverlust. Frankreich ist kein Einzelfall mehr – es ist das neue Epizentrum der europäischen Krise. Und diesmal geht es nicht mehr nur um Zahlenwerke, sondern um die Existenzfrage eines ganzen Währungssystems.