Man muss der Europäischen Zentralbank eines lassen: Sie besitzt die bewundernswerte Fähigkeit, in einem brennenden Haus seelenruhig die Temperatur des Teewassers zu bemängeln. Während die Wirtschaft stöhnt, Lieferketten ächzen und der Bürger unter einer Hartnäckigkeit der Teuerung leidet, die selbst den optimistischsten Statistiker desillusionieren müsste, dreht die Frankfurter Notenbank in schöner Regelmäßigkeit an der Zinsschraube. Wie ein unerschütterlicher Kapitän auf der Titanic, der angesichts des Eisbergs nicht etwa das Steuer herumreißt, sondern stolz verkündet, dass das Wasser im Ballsaal wenigstens frisch gezapft sei, wird der Leitzins stoisch weiter nach oben getrieben. Und wer darf dieses monumentale Schauspiel der geldpolitischen Realitätsverweigerung anführen? Niemand Geringeres als Christine Lagarde, jene Frau, die offenbar das Bankwesen mit einem Pariser Laufsteg verwechselt.

Dass hinter den Kulissen der Frankfurter Glaspaläste längst ein ganz anderes Theater gespielt wird, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Wie aktuelle Berichte von Politico Europe enthüllen, scheinen die Gerüchte über einen vorzeitigen Abgang der Präsidentin alles andere als an den Haaren herbeigezogen. Frau Lagarde kokettiert offenkundig mit der Idee, den grauen Frankfurter Turm gegen das helle Scheinwerferlicht der französischen Präsidentschaftswahlen einzutauschen. Da stellt sich dem geneigten Beobachter doch unweigerlich die Frage, ob die jüngsten Zinsschritte überhaupt noch geldpolitischen Zwecken dienen oder ob es sich hierbei lediglich um eine Art fulminantes Abschiedsfeuerwerk handelt, gezündet auf Kosten der europäischen Steuerzahler und Kreditnehmer. Wenn die oberste Währungshüterin Europas gedanklich bereits im Élysée-Palast residiert, während sie den Bürgern den geldpolitischen Daumen aufdrückt, dann offenbart das eine arrogante Entkopplung von Amt und Realität, die ihresgleichen sucht.

Begleitet wird dieses makabre Treiben von einer sogenannten Qualitätspresse, die es jedes Mal wieder schafft, die geldpolitische Härte als alternativlose Sternstunde der ökonomischen Vernunft zu verkaufen. Man liest dort in geschliffenen, mit wohlklingenden Fachbegriffen überladenen Sätzen, dass die EZB entschlossen handele und die Inflation 'nachhaltig einhege'. Kritik wird als populistisches Rauschen abgetan, während die Zinsanhebungen als mutige Medizin für einen kranken Patienten gefeiert werden. Dass der Patient nach dieser Dauerbestrahlung mit harten Medikamenten allerdings längst klinisch tot ist, stört in den Redaktionsstuben niemanden. Dort feiert man die Zinspeitsche als Meisterleistung der Technokratie, während der Mittelstand leise abdankt und junge Familien vom Traum der eigenen vier Wände endgültig Abschied nehmen müssen. Es ist die gewohnte, sterile Hofberichterstattung, die jede institutionelle Fehlleistung in einen heroischen Akt des Staatsmanns – oder in diesem Fall der Staatsfrau – umzuformulieren weiß.

Besonders pikant wird die Gemengelage, wenn man den Blick auf die politischen Reben im Nachbarland richtet, wo radikale Stimmen wie die des französischen Linkspolitikers Mélenchon laut den Analysen von Politico Europe eine Annullierung der pandemiebedingten Staatsschulden fordern. Hier zeigt sich die ganze Heuchelei des Systems: Auf der einen Seite lässt sich Frau Lagarde als unerbittliche Wächterin der Stabilität feiern, die Populisten wie Mélenchon kühl abblitzen lässt; auf der anderen Seite flirtet sie selbst mit politischen Ambitionen, die genau denselben populistischen Lagern den Boden bereiten. Man schwingt die Keule der geldpolitischen Orthodoxie, um sich kurz darauf den eigenen politischen Sehnsüchten hinzugeben. Es ist eine doppelzüngige Farce, bei der die europäischen Institutionen längst zu Selbstbedienungsläden für die persönliche Karriere geworden sind, während die wirtschaftliche Substanz des Kontinents stückweit abgewickelt wird.

Die Parallelen zu den Nachrichtenmeldungen über den Zustand europäischer Leitbranchen wie Volkswagen, wo gigantische Sparpläne und drohende Milliardenkosten den industriellen Ausverkauf einläuten, könnten drastischer kaum sein. Während in Wolfsburg die Bänder stillstehen und Arbeitsplätze auf dem Altar einer verfehlten Energie- und Industriepolitik geopfert werden, reagieren die Notenbanken mit weiteren Zinserhöhungen, die Investitionen erst recht im Keim ersticken. Es ist ein mörderischer Teufelskreis aus fiskalischer Inkompetenz und geldpolitischer Hybris. Die EZB agiert wie ein Brandstifter, der die Feuerwehr ruft, um sich anschließend für das Löschwasser feiern zu lassen. Und die Zeche für dieses administrative Versagen zahlt am Ende der kleine Sparer, der Handwerker und der Angestellte, deren Ersparnisse durch Inflation entwertet und deren Kredite durch Zinshakennasen unbezahlbar gemacht werden.

Wie lange wollen wir diesem absurden Treiben noch zusehen, in dem abgehobene Technokraten mit dem Schicksal von Millionen Menschen spielen und den Euro-Raum als persönliches Karriere-Trampolin missbrauchen? Steht uns hier nicht längst der finale Beweis ins Haus, dass die europäische Zentralverwaltungswirtschaft jeden Bezug zur Realität verloren hat? Schreiben Sie uns Ihre ungefilterte Meinung und Ihre Sicht der Dinge in die Kommentare.