Der Sudan brennt, wieder einmal. Doch diesmal sind die Flammen nicht nur das Werk rivalisierender Generäle, sondern das Produkt einer internationalen Doppelmoral, die ihresgleichen sucht. Während westliche Diplomaten in Washington wohltemperierte Worte über „Frieden“ und „humanitäre Lösungen“ austauschen, zieht die von Abu Dhabi bewaffnete und finanzierte Miliz durch Darfur und löscht Städte aus. El-Fasher, die letzte Bastion der regulären sudanesischen Armee in Nord-Darfur, ist gefallen – und mit ihr der letzte Rest einer ohnehin zerbröckelten Staatlichkeit.

Dass dieser Massenmord pünktlich auf das Scheitern der US-geführten Verhandlungen in Washington folgte, ist kein Zufall, sondern Symptom. Die Gespräche, die angeblich Frieden bringen sollten, waren in Wahrheit nichts anderes als eine Bühne für das übliche geopolitische Schmierentheater: die USA als „ehrlicher Makler“, die Emirate als „Partner“ und alle anderen als entbehrliche Statisten in einem Spiel, dessen Preis das Leben Hunderttausender ist.

Während die von der Trump-Regierung initiierten Gespräche im Kreis drehten, blockierte die Emirati-Delegation jede Diskussion über die Belagerung von el-Fasher – einer Stadt, in der seit über 500 Tagen rund 260.000 Menschen eingeschlossen waren, abgeschnitten von Wasser, Nahrung und Hoffnung. Jetzt ist die Stadt gefallen. Und wer sich fragt, warum das Emirat der glitzernden Türme plötzlich als Schutzpatron einer mordenden Miliz auftritt, sollte einen Blick auf die Karten werfen: Gold, Uran, Öl, Transitwege – und ein Kriegsgebiet, das sich hervorragend zur geopolitischen Einflussnahme eignet.

https://twitter.com/HRL_YaleSPH/status/1982959658878022013

Die Rapid Support Forces, kurz RSF, wurden einst als Grenztruppe gegründet, später von westlichen Geheimdiensten hofiert, um den Sudan von islamistischen Einflüssen zu „säubern“. In Wahrheit handelt es sich um Söldner, die seit Jahren in Libyen, Jemen und Äthiopien im Auftrag fremder Mächte Krieg führen. Ihr Anführer, Mohammed Hamdan Dagalo – genannt Hemedti – ist der Mann, dem Abu Dhabi Waffen, Geld und Drohnen liefert, während in el-Fasher Kinder verhungern und Zivilisten erschossen werden.

Videos aus der Stadt, deren Authentizität laut diplomatischen Quellen „nicht verifiziert“ werden konnte – die übliche Floskel der Distanzierten –, zeigen RSF-Kämpfer, die Gefangene zwingen, Hemedti zu preisen, bevor sie sie niedermähen. Das sind keine „Einzelfälle“, das ist System. Ein System, das nur deshalb funktioniert, weil seine Förderer in Washington, London und Abu Dhabi den Preis längst einkalkuliert haben.

https://twitter.com/tuncdemirtas/status/1983060433486442871

Die Rolle der Emirate ist dabei besonders schäbig. Während die UNO an die „Verantwortung der internationalen Gemeinschaft“ appelliert, liefert Abu Dhabi weiter Waffen und Söldner an die RSF – und blockiert gleichzeitig jeden Versuch, das Massaker als das zu benennen, was es ist: ein gezielter Genozid. Der sudanesische Außenminister hat es inzwischen ausgesprochen: „Wenn es mit den Emiraten zu tun gibt, dann als Feind, nicht als Vermittler.“ Eine seltene Ehrlichkeit in einer Welt diplomatischer Euphemismen.

Doch Washington spielt mit. Der amerikanische Sondergesandte Massad Boulos, angeblich auf Friedensmission, stellte Bedingungen, die wie ein politischer Knebelvertrag klingen: Reduktion islamistischen Einflusses, Abbruch der Beziehungen zum Iran, Unterzeichnung der Abraham-Abkommen und vor allem – keine russischen oder chinesischen Geschäfte mehr. Mit anderen Worten: Wer leben will, soll sich amerikanisieren.

Das Kalkül ist durchsichtig: Der Sudan, geostrategisch zwischen Rotem Meer und Sahel gelegen, ist der Schlüssel zur Kontrolle der afrikanischen Transit- und Rohstoffrouten. Wer das Land spaltet, kontrolliert die Region. Und die RSF, brutal, korrupt, aber loyal gegenüber Geld und Waffen, ist das perfekte Werkzeug für diesen Zweck. Dass sie dabei ganze Städte auslöschen, interessiert im Westen niemanden – solange das Blut in der Wüste versiegt, bevor es an die Börsen von Dubai oder New York spritzt.

Mit dem Fall von el-Fasher ist der Sudan nun faktisch zweigeteilt. Im Osten regiert General Burhan aus Port Sudan, mit iranischen Waffen und russischem Einfluss. Im Westen herrscht Hemedti – der Statthalter Abu Dhabis, Söldnerführer und blutige Hand der geopolitischen Spekulation. Zwischen beiden steht eine Bevölkerung, die seit Jahrzehnten nur eines gelernt hat: dass ihr Leben in den Augen der Welt nichts wert ist.

Die UNO ruft zur „Zurückhaltung“ auf, Washington zur „Verantwortung“, und die EU verschickt Pressemitteilungen über „Sorge“. Doch niemand nennt die Dinge beim Namen. Niemand stellt die Frage, warum ausgerechnet jene Staaten, die sich moralisch über Russland und China erheben, Waffen an Mörder schicken und Kriegsverbrecher finanzieren. Niemand spricht über die zahllosen Flüchtlinge, die bald an Europas Küsten stranden werden, weil irgendwo zwischen Abu Dhabi und Washington entschieden wurde, dass Sudan ein Experimentierfeld bleiben darf.

Es ist der alte westliche Zynismus im neuen Gewand: Menschenrechte als PR-Kampagne, Interventionen als Wohltätigkeit, Massaker als „notwendiges Übel“. Wenn die Emirate in Darfur wüten, geschieht es mit stiller Zustimmung jener, die in Washington den Frieden verhandeln. Und während das Feuer von el-Fasher noch brennt, postet der amerikanische Unterhändler Bilder von „Arbeitsgruppen“ und „Koordinationskomitees“. So sieht die zivilisierte Barbarei des 21. Jahrhunderts aus.

Am Ende bleibt ein zerrissenes Land, Millionen Vertriebene, ein gebrochenes Volk – und eine Welt, die wegsieht, weil sie zu sehr mit ihren eigenen Geschäften beschäftigt ist. Der Sudan fällt nicht, weil er schwach ist, sondern weil seine Zerstörung profitabel ist.