Stellen Sie sich vor, Sie sitzen gemütlich in Ihrem Wohnzimmer, und plötzlich spaziert der Nachbar, mit dem Sie seit Jahren im Clinch liegen, einfach durch Ihre Haustür. Er läuft zwölf Minuten durch Ihre Wohnung, fotografiert Ihre Einrichtung und verschwindet wieder. Was würden Sie tun? Die Polizei rufen? Ihn zur Rede stellen? Oder einfach nur ein Krisentreffen mit den anderen Nachbarn einberufen, um darüber zu diskutieren, wie man künftig mit solchen Vorfällen umgehen sollte?
Genau letzteres tut die NATO gerade, nachdem drei russische MiG-31-Kampfjets am Donnerstag zwölf Minuten lang unerlaubt durch den estnischen Luftraum flogen. Estland, dieses kleine baltische Land, das ständig unter Putins Schatten zittert, hat nun Artikel 4 des NATO-Vertrags aktiviert – nicht zu verwechseln mit Artikel 5, der den berühmten Bündnisfall auslöst. Nein, Artikel 4 bedeutet nur: Lasst uns mal drüber reden, Freunde!
Die NATO – ein zahnloser Tiger mit Diskussionsbedarf
Die Bilder, die Estland veröffentlicht hat, zeigen die Flugroute der russischen Jets. Sie drangen mehrere Kilometer tief in den estnischen Luftraum ein – und das nicht aus Versehen. Die MiG-31 ist ein Überschall-Abfangjäger, der mit modernster Navigationstechnik ausgestattet ist. Wer damit in fremden Luftraum eindringt, tut das nicht, weil er sich verflogen hat, sondern weil er eine Botschaft senden will.
Und die Botschaft ist klar: Schaut her, wir können kommen und gehen, wann immer wir wollen. Was wollt ihr dagegen tun? Einen Artikel 4 aktivieren? Wie furchteinflößend!
Die NATO-Reaktion ist so vorhersehbar wie ein deutscher Behördenbrief: Man ist "besorgt", man "verurteilt aufs Schärfste", man wird "beraten". Der NATO-Generalsekretär spricht von einem "inakzeptablen Akt", als hätte jemand bei einer Dinnerparty mit dem falschen Besteck gegessen.
Die Union fordert Abschuss – aber nur theoretisch
Immerhin gibt es in Deutschland mutige Stimmen aus der Union, die fordern, dass russische Jets künftig abgeschossen werden sollten, wenn sie in NATO-Luftraum eindringen. Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, verlangt eine "harte Reaktion auf Moskauer Provokationen". Wie schön, dass wir darüber reden können! Ob die Union das auch fordern würde, wenn sie selbst regieren und die Verantwortung tragen müsste, steht auf einem anderen Blatt.
Interessanterweise findet ausgerechnet die Linke die NATO-Reaktion "angemessen". Wenn sogar die Linke mit der NATO zufrieden ist, sollte das dem Bündnis zu denken geben.
Putin testet die Grenzen – und findet keine
Was Putin hier macht, ist so alt wie die Kriegsführung selbst: Er testet die Grenzen des Gegners. Wie weit kann ich gehen, bevor es eine echte Reaktion gibt? Drei MiGs zwölf Minuten lang über Estland – was passiert? Nichts. Beim nächsten Mal werden es vielleicht fünf Jets sein, die 20 Minuten bleiben. Oder sie fliegen noch tiefer ins Land hinein.
Der Sicherheitsexperte Carlo Masala bringt es auf den Punkt: "Russland führt die NATO vor." Und die NATO lässt sich vorführen, weil sie Angst hat vor einer Eskalation. Als ob Putin nicht genau diese Angst ausnutzen würde!
Die Türkei hat es vorgemacht
Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev erinnert an die Reaktion der Türkei im Jahr 2015, als diese ein russisches Kampfflugzeug abschoss, das ihren Luftraum verletzt hatte. Damals gab es einen kurzen diplomatischen Eklat, aber Putin respektierte danach die türkischen Grenzen.
Aber die Türkei ist nicht Estland, und Erdogan ist nicht die NATO. Die Türkei konnte es sich leisten, einen solchen Schritt zu wagen, weil sie wusste, dass Putin sie als ernstzunehmenden Gegner betrachtet. Die NATO hingegen wirkt wie ein Debattierclub, der bei jeder Provokation erst einmal eine Sitzung einberuft.
Sogar Trump ist besorgt
Wenn sogar Donald Trump sagt: "Ich mag das nicht" und vor "großen Problemen" warnt, sollte das zu denken geben. Trump, der sonst nicht gerade als NATO-Enthusiast bekannt ist, erkennt die Gefahr: Wenn Putin merkt, dass er ohne Konsequenzen in NATO-Luftraum eindringen kann, wird er weitermachen.
Die Frage ist nicht, ob Putin die Grenzen weiter testen wird – die Frage ist nur, wann und wie. Und während die NATO berät und diskutiert, sitzen die Menschen in Estland, Lettland und Litauen mit angehaltenem Atem da und fragen sich: Wird das Bündnis uns wirklich verteidigen, wenn es darauf ankommt?
Die deutsche Antwort: Mehr Luftverteidigung – irgendwann
Der EVP-Chef fordert derweil eine "starke europäische Luftverteidigung". Eine brillante Idee! Warum ist da noch niemand drauf gekommen? Vielleicht weil eine solche Luftverteidigung Jahre brauchen würde, um aufgebaut zu werden, während Putins Jets jetzt in NATO-Luftraum eindringen?
Die deutsche Debattenkultur feiert wieder einmal fröhliche Urständ: Während russische Kampfjets NATO-Grenzen verletzen, diskutieren wir über theoretische Abschussszenarien und langfristige Verteidigungskonzepte. Wir sind Weltmeister im Planen für übermorgen, während das Haus heute brennt.
Was Putin wirklich will
Putin will nicht Estland erobern – zumindest nicht heute. Was er will, ist die NATO als schwaches, unentschlossenes Bündnis vorführen. Er will zeigen, dass die roten Linien des Westens mit Bleistift gezeichnet sind und leicht verwischt werden können.
Und bisher gelingt ihm das prächtig. Die NATO wird nächste Woche beraten. Vielleicht gibt es dann eine schärfere Verurteilung. Vielleicht wird man "tiefe Besorgnis" statt nur "Besorgnis" ausdrücken. Putin wird zittern – vor Lachen.
In der Zwischenzeit fliegen russische Jets weiter an NATO-Grenzen entlang, testen Reaktionszeiten, sammeln Daten über Radar- und Abwehrsysteme. Die eigentliche Frage ist nicht, ob die NATO bereit ist, russische Jets abzuschießen. Die Frage ist, ob die NATO überhaupt noch ernst genommen wird – von Putin und, was vielleicht noch wichtiger ist, von ihren eigenen Mitgliedern.
Eines ist sicher: Wenn die NATO weiterhin nur mit Worten und Beratungen auf solche Provokationen reagiert, werden die russischen Piloten bald ihre Flugpläne für den nächsten Ausflug in NATO-Luftraum zusammenstellen. Mit Zwischenstopp zum Winken bei der nächsten NATO-Beratung.


