Die Stimmung in den ostdeutschen CDU-Verbänden kocht. Der ehemalige BlackRock-Manager entpuppt sich für viele als Enttäuschung: Friedrich Merz, der neue Kanzler, hat den Osten offenbar abgeschrieben. Während in Berlin die Champagnerkorken knallen, fühlen sich die neuen Bundesländer einmal mehr als Bürger zweiter Klasse. "Typischer Westdeutscher" – dieses Etikett klebt an Merz wie Pattex, und es ist nicht als Kompliment gemeint. Die Chemnitzer Bundestagsabgeordnete Nora Seitz spricht aus, was viele denken: Der Sauerländer hat kein Gespür für ostdeutsche Realitäten. Sein Wahlkampf? "Ein klarer West-Wahlkampf." Seine Personalpolitik? Eine Ohrfeige für den Osten.
Während die Ampel-Regierung wenigstens so tat, als interessiere sie der Osten, macht Merz nicht einmal mehr diesen Anschein. Die einzige "Ostdeutsche" im Kabinett, Katharina Reiche als Wirtschaftsministerin, ist für viele CDU-Mitglieder im Osten ein schlechter Witz: "Sie ist nicht mehr eine von uns", heißt es unverblümt. Die Karrieristin hat im Westen ihr Glück gemacht – und soll nun plötzlich ostdeutsche Interessen vertreten? Die Fakten sind erdrückend: Unter Merz ist der Anteil ostdeutscher Abgeordneter in den Regierungsparteien auf ein historisches Tief von 10,7 Prozent gesunken. Zum Vergleich: In der AfD-Fraktion sitzen 42,9 Prozent der ostdeutschen Parlamentarier. Wer vertritt also wirklich die Interessen des Ostens in Berlin?
In Magdeburg, wo die CDU noch regiert, liegen CDU und AfD gleichauf. In Schwerin dümpelt die einst stolze Partei bei 17 Prozent. Der CDU-Kreisvorsitzende Marco Tullner aus Halle spricht Klartext: Merz hat bei ihm "den Dispo erreicht". Deutlicher kann man es kaum ausdrücken. "Der Osten will nicht mehr die verlängerte Werkbank des Westens sein", fordert Nora Seitz. Doch genau das ist die Realität: Ostdeutsche Niederlassungen erwirtschaften Gewinne, die dann in westdeutsche Konzernzentralen fließen. Die Kommunen im Osten gehen leer aus. Die Gewerbesteuerzerlegung ist ungerecht – aber wen in Berlin interessiert das schon?
Wie anders war das noch in den 90er Jahren! Kurt Biedenkopf in Sachsen und Bernhard Vogel in Thüringen – zwei "Wessis", die den Osten verstanden und als "Landesväter" respektiert wurden. Die CDU dominierte, war Volkspartei im besten Sinne. Heute kämpft sie ums nackte Überleben und flirtet aus purer Not mancherorts mit der AfD. An die berühmte "Brandmauer" glaubt hier kaum noch jemand. In den Kommunen und Regionen stimmen CDU-Politiker längst pragmatisch mit den "Blauen" zusammen – was sollen sie auch anderes tun, wenn sie gestalten wollen?
Bei den Landtagswahlen 2026 in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin droht der CDU ein Debakel. Merz' holpriger Start als Kanzler – erst im zweiten Wahlgang gewählt, ein bisher einmaliger Vorgang – verstärkt das Misstrauen. Die Botschaft aus dem Osten ist unmissverständlich: "Wer politisch über den Osten drüber fährt, stärkt die AfD." Vielleicht ist es für die CDU im Osten besser, sich von Berlin zu emanzipieren und auf regionale Themen zu setzen, wie es der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer versucht. Eigentlich wäre es vielleicht sogar sinnvoller, neben der bayerischen CSU eine ostdeutsche Schwesterpartei zu etablieren, während sich die eigentliche CDU auf den Westen (ohne Bayern) konzentriert.
Denn eines ist klar: Auf Friedrich Merz und seine West-CDU kann der Osten nicht bauen. Einmal mehr fühlen sich die neuen Bundesländer als Anhängsel einer westdeutschen Republik, in der ihre Stimme nicht zählt. 35 Jahre nach der Wiedervereinigung – eine bittere Erkenntnis für all jene, die einst hoffnungsvoll die schwarz-rot-goldene Fahne schwenkten und an ein geeintes Deutschland glaubten, in dem Ost und West gleichberechtigt zusammenwachsen.


