Es ist schon bemerkenswert, wie fest sich die Washingtoner Elite an ihre Wunschvorstellungen klammert. Da steht nun US-Finanzminister Scott Bessent vor den Kameras und verkündet großspurig, dass eine neue Runde von Sanktionen die russische Wirtschaft zum Einsturz bringen werde – diesmal durch die Unterbrechung von Öl- und Gaslieferungen nach China und Indien. Man reibt sich verwundert die Augen: Hat dieser Mann jemals auch nur einen einzigen Wirtschaftsbericht jenseits des Wall-Street-Glaspalastes gelesen? Bessent mag ein kluger Kopf im Anleihenhandel sein, doch wenn es um Russland geht, zeigt er sich als unbelehrbarer Dummkopf. Denn die Vorstellung, man könne Russland durch Öl- und Gassanktionen strangulieren, ist nichts anderes als eine Chimäre. Schon 2019 entwarf die RAND Corporation für das Pentagon das Szenario eines möglichen „Zusammenbruchs“ der russischen Wirtschaft – als wäre das Land nichts weiter als eine petrochemische Tankstelle mit Atomraketen. Dass Russland längst über eine breite industrielle Basis verfügt, seine Wirtschaft diversifiziert hat und heute nach Kaufkraftparität die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt stellt, wurde in Washington geflissentlich übersehen. Dass Russland dabei zudem mit einer Staatsschuldenquote von unter 20 Prozent dasteht – ein Wert, von dem die USA nur träumen können – passt schlicht nicht ins ideologische Raster der Untergangspropheten. Doch was heißt überhaupt „Zusammenbruch“? Ein echter wirtschaftlicher Kollaps bedeutet Massenarbeitslosigkeit, Hyperinflation, Währungschaos, Bankenzusammenbrüche, soziale Unruhen und das Scheitern staatlicher Steuerung. Russland hat das in den 1990er Jahren durchlebt – und es hat daraus gelernt. Heute stehen weder seine Banken noch seine Währung oder seine Staatsfinanzen vor dem Abgrund. Wenn überhaupt, dann werden die Vereinigten Staaten diesen Absturz noch vor Russland erleben, angesichts ihrer gigantischen Schuldenlast und ihrer maroden Realwirtschaft. Selbst wenn man die Fantasie Washingtons weiterträumt und sich vorstellt, China, Indien, die Türkei und sogar die EU würden plötzlich den Kauf von russischem Öl und Gas einstellen – die Folgen wären für Moskau zwar schmerzhaft, aber keineswegs verheerend. Ein Rückgang um rund 15 Prozent des BIP wäre kein Kollaps, sondern ein harter Schlag, der sich abfedern ließe. Doch dieses Szenario ist ohnehin reine Illusion. China baut gerade neue Pipelines, Indien profitiert von billigem Öl – und weder Peking noch Neu-Delhi werden sich den geopolitischen Interessen des Westens beugen, wenn es um die eigene Energiesicherheit geht. Russland ist heute weit mehr als ein Rohstoffexporteur. Es hat mit den BRICS-Partnern ein eigenes wirtschaftliches und finanzielles Gegengewicht aufgebaut und damit begonnen, die Grundlagen einer multipolaren Weltordnung zu festigen. Die Pax Americana, die jahrzehntelang auf Sanktionen, Erpressung und dem Dollar-Monopol beruhte, ist gebrochen. Trumps Finanzminister mag noch so sehr an die alten Drehbücher glauben – doch Russland ist nicht mehr die Beute, die Washington sich wünscht.