Ein weiterer Tag, ein weiterer Einbruch der türkischen Lira, nur dieses Mal gab es eine Wendung: Während die hyperinflationäre Währung implodiert, hat Erdogan endlich genug von dem unerbittlichen Trommelfeuer und beginnt, die türkischen Märkte zu schließen. Doch zunächst einmal zurück: Zu Beginn des Freitags beschleunigte die Lira ihre historische Talfahrt und fiel zum ersten Mal über die Marke von 16 US-Dollar, da die Zusage der Zentralbank, den viermonatigen Zinssenkungszyklus am Donnerstag zu beenden, die Anleger nicht davon überzeugen konnte, dass die Inflation eingedämmt werden kann. Das war jedoch nur der Anfang, und der Absturz der Währung beschleunigte sich nur wenige Stunden später auf 17,14, womit der Rückgang in dieser Woche 17 Prozent betrug. Im gesamten vergangenen Jahr hat die Währung mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren! Zur Erinnerung: Die Zentralbank senkte gestern ihren einwöchigen Leitzins um weitere 100 Basispunkte auf 14 Prozent, die vierte Senkung seit September, ausgelöst durch die Forderung von Präsident Recep Tayyip Erdogan, die Kreditkosten angesichts steigender Verbraucherpreise zu senken, als Teil seiner völlig verrückten Geldpolitik Erdoganomics, deren einziges mögliches Ergebnis der Zusammenbruch der türkischen Wirtschaft und Hyperinflation ist. Der daraus resultierende Ausverkauf beschleunigte den Absturz der Währung um 54 Prozent in diesem Jahr, da die realen Zinssätze weiter unter Null fallen und die Inflation nun bei 21,3 Prozent pro Jahr liegt.

Inflationstreiber Erdogan

Erdogan reagierte dann auf die durch die steigenden Preise verursachten wirtschaftlichen Schmerzen, indem er eine 50%ige Erhöhung des Mindestlohns im nächsten Jahr anordnete, was eine noch höhere Inflation garantiert, da dies die Produktionskosten erhöhen wird, wodurch sich die Inflation im nächsten Jahr um weitere 2 bis 8 Prozent beschleunigen wird, so Erkin Isik, Chefvolkswirt der QNB Finansbank, in einer Mitteilung an Kunden. Nachdem die Lira auf 17 Dollar gefallen war, gab die Zentralbank eine weitere Milliarde für Interventionen aus, ihre fünfte Intervention allein im Dezember. Natürlich hatte diese Intervention, wie auch die vorangegangenen, eine Halbwertszeit von nur wenigen Minuten, und kurz darauf notierte die Dollar zur Lira wieder kurz vor seinem Höchststand.

Der Aktienmarkt crasht

Und dann eine verblüffende neue Entwicklung: Wie Bloomberg berichtet, wurde der gesamte Handel am türkischen Leitindex Borsa Istanbul 100 nach einem plötzlichen Einbruch der Aktien - die bisher vorsichtig höher gehandelt wurden, wie man es in Zeiten einer galoppierenden Inflation erwarten würde - angehalten, was eine marktweite Unterbrechung auslöste. "Der Handel mit Aktien, Aktienderivaten und Repo-Geschäften wurde um 16.24 Uhr in Istanbul "vorübergehend" unterbrochen, nachdem der Index seine Gewinne wieder abgegeben hatte und um bis zu 5 Prozent gefallen war, wie aus einer öffentlichen Mitteilung hervorgeht. Der Handel sollte um 16.54 Uhr wieder aufgenommen werden, doch wir sind zuversichtlich, dass dies nur zu weiteren Verkäufen führen wird." Und tatsächlich: kurze Zeit später kollabierte auch der Aktienmarkt. An der Börse von Istanbul gab es ein Minus von 9 Prozent. Dies war der größte Absturz seit März, als die Regierungsinterventionen ebenfalls zu großen Problemen führten. Und es wird wohl nicht besser.

Auf dem Weg zur Hyperinflation?

Die Türkei hat eine lange Geschichte von Hyperinflation und wirtschaftlichen Zusammenbrüchen. Offenbar stehen wir nun vor einer solchen Wiederholung der Geschichte. Das Vertrauen in die Währung sinkt rapide und wer kann, rettet sich in "sichere" Auslandswährungen wie dem Euro oder dem US-Dollar - oder kauft Gold und Silber. Auch Kryptowährungen werden in der Türkei immer beliebter, da sie trotz der Volatilität und der Kurssprünge als stabiler erscheinen denn die Türksiche Lira. Verstärkt sich die Fluchtbewegung, ist der Totalabsturz der Lira nur eine Frage der Zeit. Es geht nur noch um das "Wann", nicht um das "Ob". Doch die Frage ist, ob Präsident Erdogan dies politisch überlebt (und wenn zur Not auch als Diktator), oder ob es zu einem Volksaufstand und einem politischen Machtwechsel kommt.