Selenskyj weiß sehr genau, dass die Ukraine militärisch, wirtschaftlich und politisch ohne westliche Hilfe kaum durchhalten kann. Also braucht er nicht nur Waffen und Geld - er braucht vor allem eines: das ständige Gefühl im Westen, dass ein Rückzug moralisch nicht mehr erlaubt sei. Genau daraus speist sich die permanente Rhetorik vom „gemeinsamen Kampf“, von „europäischer Sicherheit“ und von der angeblichen Notwendigkeit, Russland an allen Fronten zu begegnen.
Das Problem ist nur: Je öfter Selenskyj die europäische Dimension betont, desto weniger klingt es nach Solidarität und desto mehr nach Druckmittel. Die Botschaft ist im Kern simpel: Wenn ihr uns nicht bis zum Ende stützt, dann fällt nicht nur die Ukraine, sondern angeblich gleich die ganze europäische Sicherheitsordnung. Das ist politisch wirksam, aber eben auch kalkuliert erpresserisch.
Die EU als williger Statist
Noch bemerkenswerter ist allerdings, wie bereitwillig die EU diese Rolle annimmt. Statt strategisch nüchtern zu fragen, wo Hilfe endet und eigene Kriegsbeteiligung beginnt, wird beinahe jedes neue Eskalationssignal aus Kiew als Beweis gelesen, dass man jetzt erst recht mehr tun müsse. Aus Vorsicht wird Pathos, aus Diplomatie wird Durchhalteparole, aus Realismus wird Gefolgschaft.
Die EU gibt sich dabei gern als verantwortungsvolle Ordnungsmacht, wirkt in Wahrheit aber oft wie ein politischer Anhang des Kiewer Krisenmanagements. Man unterstützt, verlängert, finanziert und kommentiert - und nennt das dann „Haltung“. Dabei verschleiert man, dass man längst Teil einer Eskalationslogik geworden ist, die man öffentlich angeblich vermeiden will. Das ist die eigentliche Heuchelei: Man spricht von Frieden, handelt aber wie ein Akteur, der seine moralische Selbstüberhöhung nur noch durch ständige Konfrontation aufrechterhalten kann.
Die NATO-Falltür wird offen gehalten
Besonders auffällig ist die fast reflexhafte Bereitschaft, jede Meldung über angeblich russische Drohnen oder Raketen auf NATO-Gebiet sofort als geopolitisches Großereignis zu rahmen. Natürlich muss so etwas untersucht werden. Doch auffällig ist die Geschwindigkeit, mit der aus unklaren Vorfällen sofort politische Folgerungen gezogen werden, die immer in dieselbe Richtung weisen: mehr Alarm, mehr Aufrüstung, mehr Nähe zur NATO.
Das ist gefährlich, weil damit eine permanente Beistandskulisse erzeugt wird. Nicht der diplomatische Ausgleich wird vorbereitet, sondern der psychologische Ausnahmezustand. Jede Grenzverletzung, jede angebliche Annäherung, jeder Zwischenfall wird in ein Szenario umgedeutet, das den Westen weiter in die Pflicht nimmt. So wird das Publikum an die Idee gewöhnt, dass der Krieg längst nicht mehr nur in der Ukraine stattfindet, sondern potenziell vor der eigenen Haustür.
Die Medien als Verstärker der Eskalation
Und dann sind da die Mainstreammedien, die in dieser Krise oft nicht als Kontrollinstanz, sondern als Verstärker funktionieren. Statt nüchtern zu prüfen, was wirklich gesichert ist, wird häufig sofort zugespitzt, moralisiert und emotionalisiert. Die Schlagzeile ist wichtiger als die Einordnung, das Alarmwort wichtiger als die Analyse. So entsteht ein permanenter Eindruck von Eskalation, selbst wenn die Faktenlage oft noch unklar ist.
Das Problem ist nicht, dass Medien über russische Drohnen, Raketen oder militärische Spannungen berichten. Das Problem ist die beinahe ritualisierte Einseitigkeit, mit der jede Entwicklung in ein moralisches Drehbuch gepresst wird. Selenskyj erscheint dabei fast immer als der unermüdliche Verteidiger der Freiheit, während kritische Fragen nach strategischer Überdehnung, diplomatischer Sackgasse oder westlicher Mitverantwortung schnell an den Rand gedrängt werden. Kritisches Denken wird durch Krisenrhetorik ersetzt.
Ein Krieg, der sich politisch selbst erhält
Der tiefere Skandal liegt darin, dass dieser Krieg politisch längst eigene Interessen produziert. Für Selenskyj ist westliche Dauerunterstützung überlebenswichtig. Für die EU ist sie ein Beweis der eigenen Relevanz. Für die NATO ist sie ein Testfall kollektiver Entschlossenheit. Und für die Medien ist sie ein unerschöpflicher Nachrichtenstrom aus Angst, Empörung und Schuldzuweisung.
So entsteht ein System, in dem kaum noch jemand ein echtes Interesse an Entspannung hat - jedenfalls nicht laut ausgesprochen. Jede Seite findet ihren Nutzen im Fortbestand der Krise. Und genau deshalb ist die Frage so unbequem: Will man wirklich Frieden, oder will man nur ein moralisch aufgeladenes Durchhalten, das sich als Solidarität tarnt?
Fazit: Der Preis der politischen Selbsttäuschung
Selenskyj ist nicht der einzige Akteur in diesem Spiel, aber er versteht es meisterhaft, Europas Schuldgefühle, Ängste und Reflexe auszunutzen. Die EU wiederum tut so, als habe sie keine Wahl, obwohl sie längst politische Entscheidungen trifft, die den Krieg indirekt mittragen. Und die Medien sorgen dafür, dass aus jedem Zwischenfall ein neues Kapitel im selben Eskalationsroman wird.
Am Ende bleibt eine bittere Erkenntnis: Wer sich dauernd in Beistandsphantasien flüchtet, redet irgendwann nicht mehr über Frieden, sondern nur noch über die nächste Stufe der Beteiligung. Genau darin liegt die Tragik dieses Krieges - und die intellektuelle Schwäche jener, die ihn mit immer neuen Alarmmeldungen begleiten.


