In Deutschland diskutiert man stattdessen lieber darüber, ob die Menschen künftig bis in die 70er arbeiten sollen. Die Rentenkassen sind leer, die Bevölkerung altert, und die Politiker reden von „notwendigen Anpassungen“. In Wahrheit ist das nichts anderes als ein Eingeständnis des Scheiterns. Jahrzehntelang hat man die Rentenkassen geplündert, um versicherungsfremde Leistungen zu finanzieren – von der Wiedervereinigung bis zur Mütterrente. Geld, das eigentlich den Beitragszahlern gehört, wurde für politische Geschenke verbrannt. Jetzt ist die Lücke da, und statt sie ehrlich zu schließen, will man sie den Alten selbst aufbürden.
Doch das eigentliche Problem sitzt tiefer: Das Rentensystem hängt am Lohn, während der Wohlstand längst ganz woanders entsteht. Maschinen arbeiten rund um die Uhr, Algorithmen handeln an den Finanzmärkten Milliardenbeträge pro Sekunde, und Konzerne erwirtschaften Rekordgewinne mit immer weniger menschlicher Arbeit. Trotzdem wird die Sozialkasse fast ausschließlich über Löhne gespeist. Der Mensch zahlt – die Maschine lacht.
Was wäre, wenn man dieses Missverhältnis endlich korrigierte? Wenn nicht mehr nur der Arbeitnehmer, sondern auch der Geldfluss selbst zur Finanzierung der Gesellschaft beitrüge? Eine einfache Kapitaltransaktionssteuer – 0,1 Prozent auf jede Geldbewegung – könnte in Deutschland Schätzungen zufolge rund 100 bis 130 Milliarden Euro pro Jahr einbringen. Jede Überweisung, jeder Aktienkauf, jeder Kauf von Gütern oder Dienstleistungen, jede Großtransaktion würde einen winzigen Bruchteil abgeben. Kaum spürbar für den Einzelnen, aber in der Summe eine gewaltige Rückführung von Kapital in den gesellschaftlichen Kreislauf.
Natürlich würde die Finanzindustrie sofort Alarm schlagen. „Kapitalflucht! Marktverzerrung!“, würde man schreien – dieselben Reflexe, mit denen man seit Jahrzehnten jede Form von Verantwortung abwehrt. Der Hochfrequenzhandel darf Milliarden umsetzen, ohne nennenswert zur Gemeinschaft beizutragen, während der Maurer, die Krankenschwester oder der Facharbeiter brav ihre Prozente abdrücken. Das ist kein Sozialstaat, das ist Feudalismus mit Tastatur.
Schon der Ökonom James Tobin forderte in den 1970er Jahren eine kleine Steuer auf Finanztransaktionen, um Spekulation zu bremsen und Stabilität zu schaffen. Heute wäre eine solche Abgabe mehr als das: Sie wäre ein Gerechtigkeitsventil in einer Wirtschaft, die immer weniger auf menschlicher Arbeit basiert. Denn wer profitiert von der Automatisierung? Es sind die Unternehmen, die Kapitalmärkte, die Fonds – kurz: jene, die längst nicht mehr schuften müssen, um zu verdienen.
In Berlin jedoch fehlt der Mut. Statt Systemfragen zu stellen, spielt man an den Stellschrauben des veralteten Systems herum. Länger arbeiten, weniger bekommen, mehr zahlen – die Rezeptur eines politischen Pflegefalls. Weil es einfacher ist, den Arbeitnehmern noch ein paar Jahre aufzubürden, als die Finanzströme auch nur um ein Promille zu besteuern. Die sogenannte „Generationengerechtigkeit“ wird damit zu einem zynischen Mantra: Die Jungen zahlen mehr, die Alten bekommen weniger – und die Profiteure der Automatisierung bleiben außen vor.
Natürlich wäre eine Kapitaltransaktionssteuer kein Allheilmittel. Aber sie wäre ein Anfang. Sie würde Kapitalbewegungen messbar machen, Spekulation dämpfen und den Wertschöpfungsfluss in den sozialen Kreislauf zurücklenken. Und sie würde vor allem eines sichtbar machen: den wahren Willen der politischen Klasse, ob sie bereit ist, die Interessen der Bevölkerung über die Bequemlichkeit des Finanzsektors zu stellen.
Die kommenden Jahrzehnte werden zeigen, ob der technische Fortschritt den Menschen befreit oder überflüssig macht. Doch wer den Wandel sozial überstehen will, muss auch seine Finanzierungssysteme der neuen Realität anpassen. Eine Gesellschaft, die weiter so tut, als wäre der Wohlstand an die Lohnarbeit gebunden, ignoriert die wirtschaftliche Revolution, die längst im Gange ist.
Die Frage ist also nicht, ob man künftig vielleicht bis 73 arbeiten muss – sondern warum der Roboter, der den Arbeitsplatz ersetzt hat, keine Altersversorgung zahlt.


