Von Michael Steiner

Der Westen kämpft in der Ukraine nicht nur gegen Russland, sondern zunehmend gegen die Realität. Während NATO-Strategen und Washingtoner Thinktanks vom großen Durchbruch träumen, macht ein Bericht der Financial Times das Dilemma sichtbar: Die USA haben schlicht nicht mehr genügend Waffen, um das eigene Stellvertreterprojekt am Leben zu halten. Besonders peinlich: Selbst die hochgelobten Tomahawk-Marschflugkörper, jahrzehntelang Symbol amerikanischer Präzisionskriegsführung, sind kaum noch lieferbar. Was als "Solidarität mit der Ukraine" verkauft wird, entpuppt sich als logistischer Offenbarungseid einer überdehnten Supermacht.

Von mehr als 4.000 Tomahawks im US-Arsenal wären aktuell "nur ein paar" für die Ukraine übrig, so die ernüchternde Einschätzung von Militärexperten, die mit der FT sprachen. "Ein paar" - das klingt nach Resterampe, nicht nach Supermacht. Der ehemalige Pentagon-Analyst Mark Cancian geht sogar davon aus, dass die USA nur eine zweistellige Zahl abgeben könnten. Und auch nur dann, wenn sie woanders riskante Lücken reißen würden. Denn Washington hat die eigenen Raketen längst schon in diversen Konflikten verpulvert: Syrien, Irak, Rotes Meer, Israel-Verteidigung, Drohkulissen gegen China - und jetzt wird auch noch ein Krieg gegen Venezuela durchgespielt. Offenbar war niemand darauf vorbereitet, dass grenzenlose Einmischungspolitik irgendwann tatsächlich Grenzen hat.

Globaler Interventionismus frisst Ressourcen

Der Bericht zeichnet das Bild einer imperialen Kriegsmaschine, die an zu vielen Fronten gleichzeitig kämpft und langsam auseinanderbricht. Statt sich defensiv zu behaupten oder regionale Stabilität anzustreben, hat Washington Jahrzehnte lang ununterbrochen "Demokratie bombardiert". Das Ergebnis spricht Bände: Kriege verloren, Allianzen beschädigt, moralische Glaubwürdigkeit zerlegt - und jetzt fehlen schlicht Raketen. Das Pentagon fordert für 2026 lächerliche 57 neue Tomahawks. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Gleichzeitig will der Kongress Milliarden für neue Kriege freigeben. Für Sozialprogramme reicht es nie, aber für Konflikte immer.

Selbst wenn Trump am Ende einen kleinen Posten Raketen freigeben sollte - sie wären militärisch bedeutungslos. Das räumt sogar Stacie Pettyjohn ein, Militärexpertin des notorisch kriegsfreundlichen Thinktanks "Center for a New American Security". Laut ihrer Einschätzung könnten gerade einmal 20 bis 50 Tomahawks abgegeben werden - zu wenig, um das Blatt zu wenden. Bestenfalls könnte die Ukraine ein paar symbolische Schläge tief in Russland setzen. Mehr als ein PR-Stunt wäre das nicht. Doch genau solche PR-Aktionen sind es, die Moskau als nukleare Provokation ansehen könnte. Auf gut Deutsch: Man riskiert die Eskalation zur atomaren Katastrophe – nur für optische Effekte in westlichen Talkshows.

Russlands Warnung: "Man kann nicht unterscheiden, ob nuklear oder konventionell"

Die Warnung aus Moskau ließ nicht lange auf sich warten. Dmitri Medwedew, der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, machte auf Telegram unmissverständlich klar: Russland könne im Ernstfall nicht erkennen, ob ein anfliegender Tomahawk konventionell oder nuklear bestückt sei. Konsequenz: Jeder Abschuss eines Tomahawks aus NATO-Quellen könne wie ein nuklearer Erstschlag gewertet werden. Wenn Washington diese Eskalationslogik ignoriere, könne das "sehr schlecht für alle enden - vor allem für Trump selbst", so Medwedew. Das ist diplomatisch formuliert nichts anderes als eine offene Drohung.

Die amerikanische Kriegspropaganda versucht solche Warnungen routiniert als "russische Drohkulisse" abzutun. Doch Fakt ist: Selbst US-Militärs geben zu, dass Russland technisch keine Möglichkeit hat, eine atomare von einer konventionellen Tomahawk abzugrenzen. Genau deshalb galt über Jahrzehnte die eiserne Regel, keine US-Langstreckenraketen in atomare Großmächte hineinzuschießen. Mit der Ukraine-Politik wird dieses Tabu gerade zerschlagen - und zwar ohne strategischen Plan, ohne militärische Notwendigkeit und offenbar ohne jede Skrupel.

Was bleibt von diesem Theater? Ein klares Bild: Die USA leiden unter geopolitischer Selbstüberschätzung und finanzieller Ausblutung. Doch statt die Lage nüchtern zu bewerten, drehen kriegsgetriebene Kreise in Washington weiter den Eskalationshahn auf. Nicht, weil der Krieg gewinnbar wäre. Sondern weil ein globales System aus Waffenkonzernen, Thinktanks und geopolitischen Ideologen ohne Krieg nicht existieren kann. Der Tomahawk-Engpass ist nur ein Symptom. Dahinter steht ein westliches Imperium, das so verzweifelt an seiner Weltordnung klebt, dass es bereit ist, atomare Szenarien zu riskieren.

Wenn ein Hegemon versucht, gleichzeitig Russland, den Iran, Venezuela, China und jede innere Opposition zu bekämpfen, landet er irgendwann dort, wo die USA heute sind: militärisch überdehnt, moralisch bankrott und bis an die Zähne bewaffnet, aber ohne strategischen Verstand. Wenige Tomahawks für die Ukraine ändern nichts am Verlauf des Krieges. Doch sie könnten etwas anderes auslösen – den Moment, in dem ein überforderter Westen die Büchse der Pandora öffnet.