Das ist politisch nur dann logisch, wenn man kritische Infrastruktur, Souveränität und öffentliche Vernunft längst gegen moralische Dauererregung eingetauscht hat.

Es gibt politische Vorgänge, die nicht deshalb grotesk sind, weil sie kompliziert wären, sondern weil sie offen vor aller Augen geschehen und dennoch so behandelt werden, als müsse man sie nicht zu Ende denken. Die Sprengung von Nord Stream gehört in diese Kategorie. Ein Angriff auf die Infrastruktur eines befreundeten Landes, mitten in Europa, mit Folgen für Energiepreise, Versorgungssicherheit und politisches Vertrauen — und dennoch: kein wirklicher Schock, kein ernsthaftes politisches Umdenken, keine erkennbare Bereitschaft, die eigene Abhängigkeit von der Ukraine-Seligsprechung zu hinterfragen.

Bojan Pancevski, Europa-Korrespondent des Wall Street Journal, hat mit seinen Recherchen und seinem Buch zur Nord-Stream-Sprengung eine Version der Ereignisse vorgelegt, die in normalen Zeiten ein politisches Erdbeben auslösen müsste. Nach seiner Darstellung war die Operation eine ukrainische Geheimdienst- und Militäraktion, getragen von Patrioten, improvisiert, riskant und technisch beeindruckend — aber eben auch ein Angriff auf eine zentrale deutsche Infrastruktur. Der Punkt ist nicht nur, wer die Sprengsätze verlegt hat. Der Punkt ist, was danach geschah: Deutschland zahlte weiter, Europa klatschte, und die moralische Maschine lief auf Hochtouren.

Natürlich ist es für die politische Klasse bequemer, das Ganze in die Kategorie „komplizierter Kriegsfall“ zu verschieben. Dann muss man keine unangenehmen Fragen stellen. Dann braucht man keine Konsequenzen zu ziehen. Dann kann man weiterhin Milliarden in die Ukraine überweisen und gleichzeitig so tun, als sei die Zerstörung von Nord Stream ein bedauerlicher Nebenaspekt, fast schon eine statistische Randnotiz. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ein Land, das von einem Verbündeten um Geld, Waffen und politische Rückendeckung gebeten wird, steht unter dem Verdacht, die energetische Lebensader dieses Verbündeten sabotiert zu haben — und die Antwort lautet nicht etwa: Stopp. Die Antwort lautet: noch mehr Hilfe.

Das ist der Punkt, an dem deutsche Politik ihre besondere Begabung offenbart: Sie kann Empörung in Rhetorik verwandeln und Realität in Förderanträge. Wer die Ukraine unterstützt, so lautet die Standardformel, unterstütze „die Freiheit Europas“. Wer nach Nord Stream frage, spiele Putins Spiel. Wer auf den Widerspruch hinweise, sei zynisch, prorussisch oder zumindest unsensibel. So einfach ist das. Und so billig.

Pancevskis Recherchen sind deshalb so brisant, weil sie die bequeme Legende stören, in der die Ukraine ausschließlich Opfer und Held zugleich ist. Das Land ist im Krieg, ja. Es verteidigt sich gegen Russland, ebenfalls ja. Aber daraus folgt nicht, dass jede Handlung, jedes Kommandounternehmen und jede Sabotage automatisch moralisch sauber wäre. Eine Infrastruktur zu sprengen, die einem befreundeten Staat gehört, ist kein romantischer Freiheitsakt. Es ist ein Angriff. Punkt.

Dass die Bundesregierung und große Teile der EU genau an diesem Punkt lieber an der Oberfläche bleiben, ist kein Zufall. Denn wer die Sache ernst nimmt, landet schnell bei Fragen, die niemand hören will: Wie verlässlich ist ein Partner, der deutsche Infrastruktur sabotiert? Wie glaubwürdig ist ein Europa, das von Rechtsstaatlichkeit spricht, aber bei geopolitisch erwünschten Akteuren sehr selektiv hinsieht? Und wie viel Selbstachtung hat ein Land, das nach einem solchen Vorfall weiterhin so handelt, als müsse es die eigene Geduld mit der guten Sache beweisen?

Die Antwort lautet offenbar: nicht besonders viel. Deutschland zahlt weiter, als ließe sich Souveränität in Monatsraten abstottern. Die EU hebt die Gelder mal an, mal frei, mal vorläufig, mal unter Bedingungen — und alles wird in der Sprache von Reformen, Meilensteinen und Solidarität verpackt. Doch am Ende bleibt der Eindruck, dass sich hier ein politisches Milieu eingerichtet hat, das gar nicht mehr merkt, wie grotesk es geworden ist. Es gibt Länder, die verteidigen ihre Interessen. Und es gibt Deutschland, das seine Interessen moralisch umetikettiert und dann großzügig an andere verschenkt.

Man muss dabei nicht einmal unterstellen, dass Kiew mit voller kalter Absicht gegen Deutschland gehandelt habe, um das Problem zu erkennen. Schon der Verdacht reicht, um aus der automatischen Wohlfühlkoalition einen Testfall für politische Redlichkeit zu machen. Wer weiterhin Milliarden überweist, ohne die Nord-Stream-Affäre politisch aufzuarbeiten, sagt im Grunde: Wir wissen zwar, dass etwas faul ist, aber wir wollen nicht, dass es unseren guten Gefühlen im Weg steht.

Genau das ist das deutsche Muster: Die Wirklichkeit wird nicht bestritten, sondern übertönt. Erst wird sie als „komplex“ bezeichnet, dann als „tragisch“, dann als „unvermeidlich“ und schließlich als „Teil eines größeren Zusammenhangs“. Am Ende steht ein Land, das seine Infrastruktur verloren hat, seine Energiepolitik neu erfinden musste und trotzdem so tut, als sei das alles ein Beitrag zur europäischen Reifeprüfung gewesen.

Pancevski erinnert daran, dass Journalismus dann wichtig ist, wenn er die höflich geschlossenen Türen wieder öffnet. Seine Arbeit zwingt zur Frage, ob die politische Unterstützung für die Ukraine nicht längst in ein Ritual übergegangen ist, das mehr mit Selbstberuhigung als mit Strategie zu tun hat. Denn solange Deutschland Milliarden überweist, während die offene Frage um Nord Stream verdrängt wird, finanziert es nicht nur die Ukraine. Es finanziert vor allem seine eigene Weigerung, Konsequenzen zu ziehen.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche deutsche Pointe: Man gibt sich großzügig, weil man sich die Wahrheit nicht leisten will.