EZB-Präsidentin Christine Lagarde bekräftigt, die hohe Inflation im Euroraum mit allen Mitteln bekämpfen zu wollen. "Uns ist bewusst, dass in Europa große Unsicherheit herrscht, nicht zuletzt wegen des Kriegs und der Energiepreise", schreibt die Chefin der Europäischen Zentralbank in einem Beitrag für die Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Wir werden die Leitzinsen so lange anheben, wie es erforderlich ist, um die Inflation auf unseren Zielwert zurückzuführen." Die EZB strebt eine Inflation von zwei Prozent an, in Deutschland lag die Preissteigerung im Juni jedoch bei 7,6 Prozent. "Die Inflation ist zu hoch. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat die Energiekosten und die Preise für Agrarprodukte in die Höhe getrieben", beschreibt Lagarde die Lage. Doch mit höheren Zinsen wird man den Hauptpreistreiber, die Energiekosten, auch nicht wirklich senken können. Der pandemiebedingte Mangel an Material, Ausrüstung und Arbeitskräften lasse die Preise ebenfalls steigen. "Das schadet den Menschen und Unternehmen im gesamten Euroraum, vor allem Haushalten mit niedrigen Einkommen." Die hohe Inflation sei zu einem großen Teil auf Faktoren zurückzuführen, die Zentralbanken nicht kontrollieren könnten. "Wir können jedoch dafür sorgen, dass die Inflation nicht dauerhaft hoch bleibt", so die EZB-Präsidentin. Lagarde warnt vor einer Lohn-Preis-Spirale, wodurch die Inflation außer Kontrolle geraten könne, und verweist auf den Beschluss des EZB-Rats in dieser Woche, die Leitzinsen für den Euroraum um 0,5 Prozentpunkte anzuheben. "Wir sind in der Entschlossenheit vereint, die Inflation mittelfristig wieder auf unseren Zielwert von zwei Prozent zurückzubringen." Doch höhere Zinsen sorgen nur für etwas Stabilität beim Außenwert des Euros, während jedoch die Binnenwirtschaft unter den deutlich höheren Refinanzierungskosten leiden wird. Die EZB sende eine "klare Botschaft" an Unternehmen, Beschäftigte sowie Anleger, schreibt Lagarde in dem Beitrag, der offensichtlich auf einer Milchmädchen-Ökonomie beruht. Die getroffenen Maßnahmen wirkten sich bereits auf die Zinssätze im gesamten Euroraum aus. "Das wird dazu beitragen, die Wirtschaft auf einen Kurs zu bringen, der uns zurück zu stabilen Preisen führt."

Sinn sieht EZB auf gefährlichen Kurs

Top-Ökonom Hans-Werner Sinn sieht die EZB auf einem gefährlichen Kurs. Die Währungsunion könne nur existieren, "wenn Staaten, die sich höher verschulden, höhere Zinsen zahlen müssen", sagte der frühere Präsident des Ifo-Instituts der "Welt am Sonntag". "Zinsen sind eine Schulden- und Inflationsbremse. Dieser Selbststabilisierungsmechanismus der Marktwirtschaft wird mit dem neuen Instrument fundamental geschwächt", kritisierte der Ökonom. Sinn warnte, dass immer neue Schulden den Inflationsdruck noch verstärken können. "Der alte Weg, alle Probleme mit immer mehr Geld zuzuschütten" gehe angesichts der Geldentwertung nicht mehr. Der Entzug werde allerdings schmerzhaft. "Denn wenn kein Geld da ist, drohen Verteilungskämpfe." Die Politik werde Wege suchen, das europäische Transfersystem immer weiter auszubauen. "Südeuropa würde zum großen Mezzogiorno, finanziert vom produktiveren Norden, wenn das gelänge", sagte der Ökonom.