Ein pointierter Blick auf Europas schleichenden Niedergang - von Andreas Keltscha
Wer dieser Tage durch die Straßen europäischer Metropolen schlendert, könnte meinen, wir lebten im Paradies. Designerläden an jeder Ecke, teure E-Autos vor den Bistros, und überall Menschen, die in ihre iPhones starren, als enthielten sie die Antwort auf alle Lebensfragen. Doch hinter der glitzernden Fassade bröckelt der europäische Traum schneller als ein französisches Croissant an einem Regentag.
Mario Draghi, seines Zeichens Ex-EZB-Chef und damit einer jener Technokraten, die unser Schicksal jahrelang in Händen hielten, hat im September seinen Bericht vorgelegt, der so ernüchternd ist wie ein Blick in den Kühlschrank nach einer zweiwöchigen Urlaubsreise. Die Zahlen sind, um es mit deutscher Gründlichkeit auszudrücken, zum Heulen.
Die nackte Wahrheit in Zahlen
Während wir Europäer uns einbilden, auf Augenhöhe mit den Amerikanern zu sein, zeigt die Realität ein anderes Bild: Der Abstand im Pro-Kopf-BIP ist mittlerweile auf erschreckende 30 Prozent angewachsen. In den 90er Jahren waren es "nur" 16 Prozent. Das ist in etwa so, als würde man beim 100-Meter-Lauf mit jedem Schritt weitere zwei Meter zurückfallen.
Aber es kommt noch besser - oder schlimmer, je nachdem, wie man seinen Morgenkaffee trinkt: Von den weltweit führenden Technologieunternehmen stammen gerade mal 10 Prozent aus Europa. Zehn! Das ist weniger, als die meisten Menschen Finger an ihren Händen haben. Die USA hingegen dominieren mit 73 Prozent. Der Rest geht an Asien, das uns vermutlich auch bald überholen wird, während wir noch damit beschäftigt sind, uns über Gendersternchen zu streiten.
Die NATO: Amerikas verlängerter Arm
Besonders pikant wird es, wenn man sich anschaut, wie wir in diese missliche Lage gekommen sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Uncle Sam als strahlender Retter daher, mit dem Marshallplan in der einen Hand und der NATO-Mitgliedschaft in der anderen. Was wie ein großzügiges Geschenk aussah, war in Wahrheit ein cleverer Schachzug: Europa wurde systematisch in eine Position der Abhängigkeit manövriert.
Unsere Streitkräfte? Wurden unter NATO-Führung zu einem zahnlosen Tiger degradiert, der zwar noch brüllen kann, aber niemanden mehr erschreckt. Forschung und Entwicklung? Da investieren wir gerade mal die Hälfte dessen, was die Amerikaner aufbringen. Es ist, als würden wir mit einem Tretroller gegen einen Tesla antreten wollen.
Brain Drain deluxe
Die Folgen dieser Politik sind so vorhersehbar wie das Ende eines Hollywood-Films: Unsere klügsten Köpfe wandern nach Amerika ab, als gäbe es dort die Weisheit gratis zum Happy Meal dazu. Die europäischen Universitäten, einst Leuchttürme der Wissenschaft, werden zu Durchgangsstationen für ambitionierte Akademiker, die von Silicon Valley träumen.
Die politischen Folgen
Kein Wunder also, dass der Frust in der Bevölkerung wächst wie Schimmelpilz in einer feuchten Kellerwohnung. Von Paris bis Wien, von Stockholm bis Rom - überall gewinnen politische Kräfte an Zulauf, die versprechen, das System umzukrempeln. Ob sie es können, steht auf einem anderen Blatt, aber der Trend ist so deutlich wie ein Neonschild in der Nacht.
Draghis "Lösung"
Und was schlägt unser geschätzter Herr Draghi vor? "Drastische Maßnahmen" - ein Begriff so schwammig wie ein durchweichter Teebeutel. Vermutlich meint er damit noch mehr Integration, noch mehr Zentralisierung, noch mehr von dem, was uns erst in diese Situation gebracht hat. Es ist, als würde man versuchen, ein leckes Boot zu retten, indem man noch mehr Wasser reinschöpft.
Fazit: Die unbequeme Wahrheit
Die unbequeme Wahrheit ist: Solange Europa sich nicht aus der amerikanischen Umklammerung befreit, werden wir weiter den Kürzeren ziehen. Aber stattdessen spielen wir brav mit bei jedem geopolitischen Abenteuer, das sich Washington ausdenkt, und wundern uns dann, warum unsere Wirtschaft schwächelt und unsere Innovation stockt.
Immerhin können wir uns damit trösten, dass wir noch die besseren Cafés haben, die schöneren Altstädte und die längeren Urlaubszeiten. Auch wenn wir uns das alles bald nicht mehr werden leisten können. Aber hey, wenigstens können wir dabei stilvoll untergehen - mit einem perfekt zubereiteten Espresso in der Hand.


