Ein Kommentar von Michael Steiner

Der Weg zurück in autoritäre Strukturen

Die Europäische Union und zahlreiche ihrer Mitgliedstaaten haben in den vergangenen Jahren eine besorgniserregende Entwicklung vollzogen. Unter dem Vorwand, gegen "Hass und Hetze" oder "Desinformation" vorzugehen, wurden Gesetze und Regulierungen eingeführt, die in ihrer Konsequenz die Meinungs- und Pressefreiheit erheblich einschränken. Das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) von 2017 markierte dabei nur den Anfang einer beunruhigenden Entwicklung.

Mit dem Digital Services Act (DSA) hat die EU ein umfassendes Regelwerk geschaffen, das Plattformbetreiber unter Androhung empfindlicher Strafen zu weitreichender Content-Moderation verpflichtet. Die verwendeten Begriffe wie "illegale Inhalte" oder "schädliche Inhalte" bleiben dabei bemerkenswert vage und eröffnen einen weiten Interpretationsspielraum für behördliche Eingriffe.

Der US-Vizepräsident JD Vance hat diese Entwicklung kürzlich scharf kritisiert. In einer Rede vor dem Hudson Institute im März 2023 warnte er: "Europa bewegt sich in eine Richtung, in der die Regierung bestimmt, was Wahrheit ist und was nicht. Das ist nicht der Weg einer freien Gesellschaft, sondern der Weg in einen digitalen Autoritarismus." Vance betonte, dass die USA diesem Beispiel nicht folgen dürften und verteidigte das amerikanische Verständnis von Meinungsfreiheit als fundamentales Recht.

Die neuen Zensurgesetze und ihre Auswirkungen

Besonders besorgniserregend ist die Einführung des "European Media Freedom Act", der unter dem Vorwand, Medienfreiheit zu schützen, tatsächlich neue Kontrollmechanismen etabliert. Die EU-Kommission erhält dadurch weitreichende Befugnisse, gegen vermeintliche "Desinformation" vorzugehen – ein Begriff, der zunehmend politisch instrumentalisiert wird.

Ursula von der Leyen erklärte bei der Vorstellung des Gesetzes: "Wir müssen unsere demokratischen Werte vor Desinformation schützen, die diese untergräbt." Die entscheidende Frage bleibt jedoch unbeantwortet: Wer definiert, was diese Werte sind und was sie untergräbt? In der Praxis zeigt sich, dass besonders in den Bereichen Klimapolitik, Migration und Außenpolitik abweichende Meinungen schnell als "Desinformation" gebrandmarkt werden.

Der französische Präsident Emmanuel Macron ging noch weiter, als er 2022 erklärte: "Die Demokratie ist ein System, das auf Fakten basiert. Wenn diese Fakten durch Falschinformationen untergraben werden, ist die Demokratie selbst in Gefahr." Diese Aussage offenbart ein fundamentales Missverständnis: Demokratie basiert nicht primär auf "Fakten", sondern auf dem freien Austausch von Ideen und Meinungen – auch solchen, die der Regierungslinie widersprechen.

Politische Verfolgung unter neuem Namen

Die praktischen Auswirkungen dieser neuen Regulierungen sind bereits deutlich zu spüren. In Rumänien sorgte der Fall der Senatorin Diana Șoșoacă für internationales Aufsehen. Die Politikerin wurde wegen "Verbreitung falscher Informationen" angeklagt, nachdem sie die COVID-Maßnahmen der Regierung kritisiert hatte. Ähnlich erging es dem rumänischen EU-Abgeordneten Cristian Terheș, der für seine EU-kritischen Äußerungen rechtliche Konsequenzen fürchten musste.

In Frankreich wurde Marine Le Pen jahrelang juristisch verfolgt, während Christine Lagarde, die als französische Finanzministerin einen Schaden von 403 Millionen Euro für den französischen Staat zu verantworten hatte, zur EZB-Präsidentin aufstieg. Die politische Selektivität der Justiz ist kaum zu übersehen.

In Deutschland wurde der Publizist David Bendels zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er ein satirisches Meme über Politiker verbreitet hatte – ein Fall, der an Majestätsbeleidigung erinnert und mit modernen demokratischen Prinzipien unvereinbar scheint. Das Landgericht Berlin verurteilte ihn im September 2022 zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung wegen "Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole" – ein Paragraph, der in einer modernen Demokratie anachronistisch wirkt.

In Österreich wurde der ehemalige FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache wegen angeblicher Korruption angeklagt, während zahlreiche Skandale der Regierungsparteien ohne vergleichbare juristische Konsequenzen blieben. In Ungarn und Polen wiederum kritisiert die EU-Kommission regelmäßig die Einschränkung der Pressefreiheit, während sie selbst ähnliche Mechanismen auf europäischer Ebene etabliert.

Vom Kontinent der Aufklärung zum Kontinent der Einheitsmeinung

Europa war einst die Wiege der Aufklärung, wo Menschen für Demokratie und Bürgerrechte kämpften, um sich vom Diktat der Kirche, des Adels und später der totalitären Ideologien zu befreien. Nach dem Sieg über Nationalsozialismus, Faschismus und Kommunismus im 20. Jahrhundert scheint Europa nun wieder in alte Muster zurückzufallen.

Die Philosophen der Aufklärung – von Voltaire bis Kant – betonten die Bedeutung des freien Denkens und der offenen Debatte. Voltaires berühmtes Zitat "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst" scheint in der heutigen europäischen Politik in Vergessenheit geraten zu sein. Stattdessen dominiert ein technokratisches Verständnis von Politik, das abweichende Meinungen als Störfaktor betrachtet.

Die Ironie liegt darin, dass Europa einst gegen die Dogmen der Kirche und die Willkür des Adels aufbegehrte, nur um nun neue Dogmen zu etablieren – diesmal im Namen des "Klimaschutzes", der "europäischen Werte" oder der "Bekämpfung von Hass". Die neuen Hohepriester sind nicht mehr Kleriker, sondern "Faktenchecker", "Experten" und "Regulierungsbehörden", die definieren, was gesagt werden darf und was nicht.

Die neue europäische Zensur

Die EU-Kommission hat mit ihrem "Aktionsplan gegen Desinformation" ein System geschaffen, das bestimmte Narrative privilegiert und andere marginalisiert. Besonders in den Bereichen Klimapolitik, Migration und Außenpolitik wird abweichenden Meinungen oft der Stempel "Desinformation" aufgedrückt.

Der ehemalige EU-Kommissar für Justiz, Didier Reynders, erklärte 2021: "Wir können nicht zulassen, dass Falschinformationen unsere demokratischen Prozesse untergraben." Was dabei übersehen wird: Die Fähigkeit, verschiedene Standpunkte zu hören und selbst zu entscheiden, ist der Kern demokratischer Prozesse. Wenn der Staat oder supranationale Institutionen diese Entscheidung übernehmen, wird Demokratie zur Farce.

Besonders problematisch ist die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Stellen und Technologieunternehmen. Der "EU Code of Practice on Disinformation" verpflichtet Plattformen wie Facebook, Twitter und Google, gegen "Desinformation" vorzugehen – ohne klare Definition, was darunter zu verstehen ist. In der Praxis führt dies zu einer präventiven Zensur, bei der Plattformen lieber zu viel als zu wenig löschen, um Strafen zu vermeiden.

Ein neues europäisches Selbstbewusstsein – aber zu welchem Preis?

Ein neues europäisches Selbstbewusstsein in einer zunehmend multipolaren Welt wäre durchaus wünschenswert. Europa muss seine Interessen definieren und verteidigen können, ohne sich vollständig auf die USA zu verlassen. Doch wenn dieses Selbstbewusstsein auf einer erzwungenen Einheitsmeinung basiert, verliert Europa genau das, was es einst auszeichnete: seinen Geist der kritischen Reflexion und des freien Diskurses.

Die aktuelle Entwicklung erinnert an Orwells "1984", wo das "Wahrheitsministerium" definiert, was wahr ist und was nicht. Wenn in Sachen Außenpolitik, Klimapolitik oder Migrationspolitik nur noch eine Einheitsmeinung erlaubt ist und Kritik daran als "Hass" oder "Desinformation" gilt, läuft etwas fundamental falsch.

Der britische Philosoph John Stuart Mill warnte bereits im 19. Jahrhundert: "Wenn die gesamte Menschheit mit Ausnahme einer einzigen Person einer Meinung wäre, so wäre die Menschheit ebenso wenig berechtigt, diese Person zum Schweigen zu bringen, wie diese Person berechtigt wäre, die Menschheit zum Schweigen zu bringen, wenn sie die Macht dazu hätte." Diese Weisheit scheint in der heutigen europäischen Politik vergessen worden zu sein.

Fazit: Europa am Scheideweg

Europa steht an einem Scheideweg. Es kann entweder zu seinen Wurzeln zurückkehren und den Geist der Aufklärung wiederbeleben – mit einem echten Bekenntnis zu Meinungsfreiheit, Pluralismus und offener Debatte. Oder es kann weiter den Weg in Richtung eines technokratischen Autoritarismus gehen, der im Namen des Gemeinwohls die individuellen Freiheiten opfert.

Die Zukunft Europas hängt davon ab, ob es seinen Freiheitskompass wiederfindet. Ein Europa ohne USA mag möglich sein – aber ein Europa ohne Freiheit wäre nicht mehr Europa im eigentlichen Sinne. Es wäre lediglich ein geografischer Begriff, der seine Seele verloren hat.

Die Bürger Europas müssen sich daran erinnern, dass Demokratie und Freiheit keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern erkämpfte Errungenschaften, die verteidigt werden müssen – auch und gerade gegen jene, die im Namen der Demokratie die Freiheit einschränken wollen.