Wie unter anderem tagesschau.de und DIE ZEIT berichten, haben Dassault Aviation und Airbus die Segel gestrichen. Diejenigen, die nun wehklagen und von einer „Schlappe für die europäische Einigung“ faseln, haben die Realität geopolitischer Machtspiele nie begriffen.

Es ist ein Fest für jeden zynischen Beobachter, die Reaktionen der „Jubilare“ zu lesen, die immer noch an das Märchen einer eigenständigen europäischen Verteidigungsfähigkeit glauben. Über Jahre wurde uns verkauft, FCAS (Future Combat Air System) sei das „System der Systeme“, ein technologischer Heilsbringer, der Europa von den Fesseln amerikanischer Rüstungstechnologie befreien soll. Nun, da das Milliarden-Grab – geschätzt auf über 100 Milliarden Euro, wie unter anderem das ZDF festhält – zugeschüttet wird, bricht die Fassade zusammen.

Das Problem waren nie nur die „verschiedenen industriellen Kulturen“ von Airbus und Dassault. Das Problem ist der bodenlose Hochmut einer politischen Riege in Berlin und Paris, die glaubt, man könne nationalstaatliche Interessen, die tief in der eigenen industriellen Basis verwurzelt sind, durch ein paar Worthülsen und glänzende Handshakes in einen gemeinsamen Konzern-Topf pressen, in dem es um Technologieführerschaft und Patente geht.

Der wahre Kern des Konflikts: Wer verdient am Krieg?

Wie der Tagesspiegel treffend analysiert, geht es im Kern um Macht: Wer kontrolliert das Know-how? Wer darf die entscheidenden Patente halten? Dassault wollte Führung, Airbus wollte Teilhabe – und im Hintergrund sitzen die amerikanischen Konzerne, die sich bei diesem europäisch-europäischen Ringkampf vermutlich vor Lachen kaum mehr halten können. Für sie ist das Scheitern von FCAS das beste Geschenk des Jahrzehnts.

Es ist naiv zu glauben, dass Frankreich seine industriell-militärische Autonomie aufgibt, um einem deutschen Konzern, der zur Hälfte aus Politik-Günstlingen besteht, Technologie zu schenken. Dass Frankreich ein atomwaffenfähiges und flugzeugträgergestütztes System braucht, während Deutschland „nur“ einen Eurofighter-Ersatz will, ist eine strategische Differenz, die man nicht durch politische Rhetorik wegbeten kann.

Europa als Zuschauer im eigenen Untergang

Besonders bezeichnend ist das Gejammer der „Jubilare“, die nun reflexartig nach Großbritannien, Italien oder Japan schielen oder die Rettung in einer Kooperation mit Saab sehen. Es ist der verzweifelte Versuch, das Kartenhaus mit neuen Spielkarten zu stabilisieren. Anstatt einzusehen, dass die europäische Rüstungsindustrie ein zerstückelter, politisch instrumentalisierter Sektor ist, laufen diese Akteure von einer diplomatischen Sackgasse in die nächste.

BÖRSE ONLINE bringt es auf den Punkt: Während die Unternehmen und Politiker streiten, ist der wirkliche Leidtragende der Steuerzahler und die europäische Sicherheitsarchitektur, die nun noch stärker als zuvor auf amerikanische Off-the-Shelf-Lösungen angewiesen sein wird.

Das Urteil: Fahrlässigkeit als Dauerzustand

Das Scheitern von FCAS zeigt eines deutlicher denn je: Die EU ist eine Union der Sonntagsreden, aber eine Nullnummer in der industriellen Umsetzung, sobald es um echte strategische Autonomie geht. Dass man ein derartiges Projekt überhaupt auf diese Weise gestartet hat, ohne die industriepolitischen Gräben vorher trocken zu legen, war in der Tat „fahrlässig“, wie es die Grünen-Politikerin Franziska Brantner (die sonst in anderen Dingen die größte Verfechterin der EU-Integration ist) zutreffend – wenn auch aus den falschen Gründen – ausdrückte.

Wir erleben hier das Ende der Illusion einer „europäischen Verteidigung“. Wer heute noch glaubt, dass Europa in der Lage ist, ein modernes Kampfsystem eigenständig zu entwickeln, der glaubt vermutlich auch an den Weihnachtsmann. Die Realität ist kälter: Europa bleibt ein ökonomisches Anhängsel, dessen militärische Sicherheit davon abhängt, ob und zu welchen Preisen man amerikanische Hardware einkauft. Dass das FCAS-Aus nun politisch als „Klarheit“ verkauft wird, ist ein besonders zynisches Ende für ein Projekt, das einst den Stolz eines ganzen Kontinents verkörpern sollte.