Der provozierte Feind: Wie Amerika Russland in die Konfrontation trieb
Seit dem Ende des Kalten Krieges hätte die Welt in eine Ära echter Kooperation eintreten können. Stattdessen verwandelte Washington den Frieden in ein geopolitisches Nullsummenspiel – und machte Russland zum unvermeidlichen Feind, den es selbst heraufbeschwor.
M
Michael SteinerRedaktion
27. Oktober 2025 10 MIN LESEZEIT
Symbolbild - (C) Contra24.com / KI
Es war die vielleicht größte geopolitische Dummheit der Neuzeit: Der Westen hatte 1991 die historische Chance, Russland in eine echte Partnerschaft einzubinden – und tat das genaue Gegenteil. Statt Respekt und Zusammenarbeit wählte Washington Arroganz und Expansion. Statt Vertrauen: Demütigung. Der Kalte Krieg hätte Geschichte sein können, doch die Vereinigten Staaten machten ihn zu einem Dauerzustand unter neuem Vorzeichen – als hegemoniale Selbstrechtfertigung und als Instrument, um Europa im amerikanischen Orbit zu halten.
Wer also heute vom „russischen Aggressor“ spricht, ohne die politische Vorgeschichte zu kennen, betreibt keine Analyse, sondern Propaganda. Denn der zweite Kalte Krieg wurde nicht in Moskau begonnen, sondern in Washington. Und er war nicht unausweichlich – er war gewollt.
Vom Ende der Sowjetunion zur Enttäuschung der Geschichte
Als im Dezember 1991 die rote Fahne vom Kreml verschwand und die Sowjetunion in sich zusammenfiel, war der Jubel im Westen grenzenlos. Man hatte den Kalten Krieg „gewonnen“, der Kapitalismus hatte gesiegt, und Russland schien für einen Moment tatsächlich bereit, ein Partner im neuen Zeitalter zu werden. Der damalige Präsident Boris Jelzin streckte die Hand nach Westen aus, öffnete die Märkte, übernahm liberale Reformen und hoffte auf einen fairen Platz in der neuen Weltordnung.
Doch in Washington dachte niemand daran, Russland wirklich gleichberechtigt zu behandeln. Der Westen sah in Moskau nicht den zukünftigen Partner, sondern den besiegten Gegner – und behandelte ihn auch so. Schon George H. W. Bush hatte 1990 versprochen, dass sich die NATO „keinen Zentimeter nach Osten“ ausdehnen werde. Dieses Versprechen war kaum ausgesprochen, da begann man im Pentagon bereits mit der Umdeutung: Das habe sich ja nur auf die DDR bezogen, nicht auf den Rest Osteuropas.
Bald darauf folgte Bill Clinton – und mit ihm begann die systematische politische Entfremdung Russlands. Außenministerin Madeleine Albright und der damalige Vizeaußenminister Strobe Talbott setzten konsequent auf eine Erweiterung der NATO, als sei das der natürliche Lauf der Dinge. Clinton wusste, dass Jelzin dagegen war, wusste, dass die russische Bevölkerung diese Ausweitung als existenzielle Bedrohung ansah – und tat es trotzdem. Das Ergebnis: Polen, Tschechien und Ungarn wurden 1999 Mitglieder der Allianz, gefolgt von den baltischen Staaten, Rumänien, Bulgarien und schließlich fast allen ehemaligen Ostblockländern.
Der Westen rückte an die russischen Grenzen vor – Schritt für Schritt, Vertrag für Vertrag, unter wohlklingenden Phrasen von „Demokratie“ und „Sicherheit“. In Wahrheit war es die Fortsetzung der alten Containment-Politik mit neuen Mitteln. Jelzin wurde zur Karikatur eines Präsidenten degradiert, Russland ökonomisch geplündert und politisch isoliert. Das „neue Russland“ wurde zum Versuchslabor westlicher Überheblichkeit.
Bush, Cheney und die zweite Welle der Expansion
Mit George W. Bush kam ab 2001 die nächste Eskalationsstufe. Der Neokonservatismus kehrte aus der Mottenkiste des Kalten Krieges zurück, diesmal als Mission der „Demokratisierung“ und „Freiheit“. In Wahrheit bedeutete er nichts anderes als imperiale Projektion – und Russland stand dabei wieder auf der falschen Seite.
Bush setzte nicht nur die NATO-Osterweiterung fort, er stationierte auch US-Truppen in Rumänien und Bulgarien, offiziell nur „rotierend“. Inoffiziell war es eine dauerhafte militärische Präsenz, eine Art schleichende Festsetzung an Russlands Südflanke. Dazu kam der Plan, ein „Raketenabwehrsystem“ in Polen und Tschechien zu errichten – angeblich gegen den Iran, tatsächlich aber ein klarer Bruch der zuvor zugesicherten strategischen Balance.
Der Höhepunkt dieser Provokationspolitik kam 2008 auf dem NATO-Gipfel in Bukarest. Bush forderte die Aufnahme von Georgien und der Ukraine in das Bündnis – ein Schritt, der selbst Frankreich und Deutschland zu riskant erschien. Doch das Signal war gesetzt: Man wollte Russland militärisch einkreisen und zugleich wirtschaftlich schwächen.
Putin reagierte noch im Jahr zuvor auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit einer Rede, die heute als prophetisch gilt. Er warf den USA vor, „eine unipolare Welt zu erzwingen“ und warnte vor der Zerstörung des internationalen Gleichgewichts. Im Westen tat man das als „russische Paranoia“ ab – ein fataler Irrtum.
Nur ein Jahr später versuchte das georgische Regime unter Micheil Saakaschwili, mit westlicher Rückendeckung die abtrünnigen Regionen Südossetien und Abchasien gewaltsam zurückzuerobern. Russland intervenierte, beendete den Angriff in wenigen Tagen und zog eine klare Linie: Eine weitere NATO-Ausdehnung in den postsowjetischen Raum würde nicht mehr toleriert.
Obama und das doppelte Spiel der Täuschung
Als Barack Obama ins Weiße Haus einzog, versprach er den „Reset“ der Beziehungen zu Russland. Außenpolitisch war das das diplomatische Äquivalent eines Placebos. Hinter der Fassade aus „Dialog“ und „Kooperation“ lief die westliche Einflusspolitik weiter – nun subtiler, mit der Sprache der Menschenrechte, NGO-Netzwerke und „Zivilgesellschaft“.
Unter Obama wurde die Ukraine zum geopolitischen Spielball. Washington unterstützte offen pro-westliche Kräfte, finanzierte „Demokratieprogramme“ und Medieninitiativen, die den politischen Boden für den späteren Umsturz bereiteten. Als 2014 der Maidan in Flammen stand, war es kein spontaner Volksaufstand, sondern eine minutiös vorbereitete Operation. Die Folge: Der gewählte Präsident Janukowitsch wurde gestürzt, eine pro-westliche Übergangsregierung installiert, und Russland sah seine Schwarzmeerflotte in Sewastopol bedroht.
Putins Reaktion – die Eingliederung der Krim und Unterstützung der Donbas-Separatisten – war kein „imperialer Feldzug“, sondern eine klassische Verteidigungsmaßnahme gegen eine offene geopolitische Aggression. Doch im Westen wurde sie als Beweis russischer Expansionsgier interpretiert.
Die Sanktionen, die darauf folgten, markierten das Ende des verbliebenen Vertrauens. Washington wollte Russland wirtschaftlich strangulieren – und trieb es damit endgültig in die Arme Chinas. Die „strategische Partnerschaft“ zwischen Moskau und Peking war kein natürlicher Zusammenschluss, sondern eine Reaktion auf die westliche Ausgrenzung.
Trump, die Störung im System – und der Hass der Eliten
Als Donald Trump 2016 ins Weiße Haus einzog, war die Freude in Washingtons außenpolitischem Establishment gleich null. Er war kein klassischer „Systempräsident“, sondern ein Unternehmer, der das Denken in geopolitischen Dogmen ablehnte. Trumps Ansatz war im Kern pragmatisch: Warum sollte Amerika einen neuen Kalten Krieg riskieren, wenn Russland kein Feind sein müsse? Diese nüchterne Sichtweise wurde den Eliten als Häresie ausgelegt.
Trump wollte den NATO-Staaten Verantwortung übertragen, forderte faire Lastenteilung und hielt wenig von moralinsaurer Weltordnungspolitik. Doch während er die Entspannung suchte, arbeiteten CIA, Pentagon und Außenministerium weiter an der alten Agenda. Das sogenannte „Russiagate“ war in Wahrheit kein Skandal über russische Einmischung – sondern ein politisches Attentat auf jeden Versuch, eine Annäherung an Moskau zuzulassen. Die „liberale Demokratie“ verteidigte sich, indem sie die Entspannung sabotierte.
Unter Trump geschah also ein paradoxes Schauspiel: Ein Präsident versuchte die Eskalation zu vermeiden, während der „tiefe Staat“ sie fortführte. Das Ergebnis war ein halbherziger Kurs zwischen Diplomatie und Sanktionen. Russland nahm Trumps Versuche wahr – aber auch, dass er im eigenen Land politisch gefesselt war. Der einzige US-Präsident seit Jahrzehnten, der keinen neuen Krieg begann, wurde von denselben Kräften gestürzt, die sich heute als „Hüter der Demokratie“ gerieren.
Biden und die Vollendung der Konfrontation
Mit Joe Biden kehrte Washington zur alten Normalität zurück – jener „Normalität“, die in Wahrheit nichts anderes ist als ein kontrollierter Dauerkrieg gegen unbequeme Mächte. Kaum war der Präsident vereidigt, begannen die bekannten Rhetoriken: „Abschreckung“, „Demokratie gegen Autokratie“, „globale Führungsverantwortung“. In diesem Vokabular spiegelt sich die ganze Selbstvergessenheit einer Macht, die ihre Hegemonie nur noch durch Feindbilder aufrechterhalten kann.
Unter Biden wurde die Ukraine endgültig zur Front des westlichen Projekts. Der Maidan hatte 2014 die politische Grundlage gelegt, der Rest war nur noch eine Frage der Zeit. Die USA rüsteten die ukrainische Armee massiv auf, installierten westliche Berater in Regierung und Geheimdiensten, und schürten systematisch die Konfrontation mit Russland. Schon im Herbst 2021 war klar, dass der Konflikt eskalieren würde – Moskaus Sicherheitsforderungen wurden arrogant ignoriert, während Washington das Schachbrett für die große Eskalation vorbereitete.
Als Russland im Februar 2022 militärisch reagierte, tat der Westen überrascht. Doch in Wahrheit hatte er das Szenario einkalkuliert. Die Sanktionen lagen vorbereitet in den Schubladen, die Propaganda lief auf Anschlag. Es ging nicht um die Ukraine – sie war bloß Mittel zum Zweck. Ziel war, Russland wirtschaftlich und politisch zu isolieren, Europa in Abhängigkeit zu halten und den neuen Blockkonflikt mit China strategisch abzusichern.
Der Krieg war also nicht Auslöser, sondern Katalysator einer Politik, die längst beschlossen war. Die Vereinigten Staaten brauchten den Feind, um das eigene System zu stabilisieren. Der militärisch-industrielle Komplex, die Think-Tanks, die Rüstungsindustrie – sie alle leben vom Dauerzustand der Bedrohung. In dieser Logik darf es keinen Frieden geben, nur immer neue Fronten.
Die Rolle Europas: Vasallentreue und Selbstzerstörung
Während Washington den globalen Konflikt dirigiert, spielt Europa brav die Statistenrolle. Berlin, Paris und Brüssel folgen willig jeder Eskalation, selbst wenn sie die eigene Wirtschaft ruiniert. Gaspreise explodieren, Industrien wandern ab, Inflation und Rezession lähmen den Kontinent – doch die politische Kaste redet von „Werten“. Werte, die anscheinend wichtiger sind als Wohlstand, Stabilität oder gar das Überleben der eigenen Bevölkerung.
Die NATO hat ihr ursprüngliches Ziel – kollektive Verteidigung – längst hinter sich gelassen. Sie ist heute ein ideologisches Instrument, ein geopolitischer Glaubensbund unter US-Führung. Russland wird dabei nicht als Gegner behandelt, sondern als moralisches Ungeheuer. Jeder Versuch, die Ursachen des Konflikts differenziert zu betrachten, gilt als „russische Propaganda“. Die EU, einst als Friedensprojekt gegründet, ist zu einem außenpolitischen Satelliten verkommen – ohne Vision, ohne Rückgrat, aber mit inflationärem Pathos.
Dass Russland seinerseits die militärische Reaktion nicht aus Expansion, sondern aus Sicherheitskalkül begründet, wird konsequent ausgeblendet. Dabei ist das Muster offensichtlich: Seit 1991 rückte die NATO mehr als tausend Kilometer nach Osten vor, stationierte Raketen, Militärbasen und Aufklärungsnetzwerke direkt an der russischen Grenze. Hätte Moskau das Gleiche in Mexiko oder Kanada getan, Washington hätte längst den Weltkrieg ausgerufen.
Vom Kalten Krieg zur Systemerhaltung
Was wir heute erleben, ist nicht einfach ein „neuer Kalter Krieg“. Es ist die Wiederauflage des alten – nur ohne ideologische Substanz. Damals hieß der Gegensatz „Kapitalismus gegen Kommunismus“, heute lautet er „Demokratie gegen Autokratie“. Doch der Zweck ist identisch: Machterhalt durch Angst. Russland dient als Projektionsfläche, um die westliche Zivilisation zu disziplinieren, Opposition zu stigmatisieren und geopolitische Dominanz moralisch zu verpacken.
Biden, Scholz, von der Leyen – sie alle sprechen vom „Kampf zwischen Freiheit und Tyrannei“. In Wahrheit kämpfen sie gegen die Realität: die Realität einer multipolaren Welt, in der Washington nicht mehr unangefochten herrscht. Russland ist nicht der Aggressor dieser Epoche, sondern das Symptom einer verschobenen globalen Machtbalance. Die Vereinigten Staaten konnten das Ende der Sowjetunion nie verarbeiten, weil sie den Sieg für endgültig hielten. Nun reagieren sie auf den Verlust der Alleinherrschaft mit denselben Methoden, die sie schon im Kalten Krieg geprägt haben – diesmal jedoch ohne den moralischen Kredit von damals.
Der provozierte Feind
Der zweite Kalte Krieg ist keine Tragödie, er ist ein absehbares Resultat amerikanischer Hybris. Washington provozierte den Feind, den es brauchte – erst durch Missachtung, dann durch Einkreisung, schließlich durch Krieg. Russland reagierte so, wie jede Großmacht reagieren würde, deren vitales Sicherheitsinteresse ignoriert wird. Dass die westliche Öffentlichkeit das nicht begreift, ist kein Zufall, sondern Folge jahrzehntelanger medialer Gehirnwäsche.
Die Geschichte wird mit einiger Sicherheit urteilen: Die USA hätten den Frieden nach 1991 gewinnen können – und entschieden sich bewusst dagegen. Sie wollten die Welt in „Freunde“ und „Feinde“ teilen, um selbst der Schiedsrichter zu bleiben. Heraus kam ein globales Chaos, das längst über Europa zurückschlägt.
Heute steht die Welt wieder an einem Punkt, an dem ein Funke genügen könnte, um einen großen Krieg zu entzünden. Und wieder wird man im Westen sagen: „Wir konnten ja nicht anders.“ Doch die Wahrheit ist: Sie wollten nicht anders. Denn Frieden braucht Einsicht, und Einsicht ist der Feind der Ideologie.
Der Feind, den Amerika heute bekämpft, ist nicht Russland. Es ist die Wirklichkeit.