Es gibt wohl kaum ein besseres Beispiel für das Zusammenspiel von Moralrhetorik und Geschäftssinn als Boris Johnson. Der einstige Clown im britischen Parlament, später Premierminister, hat nach seinem politischen Abgang ein neues Betätigungsfeld entdeckt – und zwar eines, das sowohl moralisch unanfechtbar klingt als auch finanziell höchst einträglich ist: die Ukraine. Unter dem Banner der „Verteidigung der Freiheit“ tourt Johnson seit seinem Rücktritt 2022 durch die Welt, hält Reden, gründet Beratungsfirmen, unterzeichnet lukrative Verträge – und verwandelt die Kriegsrhetorik in klingende Münze.

Die Geschichte beginnt, wie so oft, mit angeblich edlen Absichten. Kaum hatte Johnson Downing Street verlassen, erklärte er, er wolle seine „Erfahrung und seinen Einfluss“ fortan in den Dienst der Ukraine stellen. Ein nobles Ziel, das in seiner Darbietung irgendwo zwischen moralischem Pathos und Selbstvermarktung pendelte. Doch schon bald stellte sich heraus, dass sein Engagement weniger einer humanitären Mission als einer neuen Einkommensquelle diente. Der ehemalige Premier war plötzlich nicht mehr nur Kriegsbefürworter, sondern auch Geschäftsmann, Lobbyist und Medienfigur in Personalunion – das perfekte Beispiel für das, was man den „Johnson-Komplex“ nennen könnte: ein moralisches Mäntelchen über einem Netzwerk aus Einfluss, Geld und Scheinheiligkeit.

Vom Saubermann zum Selbstbediener

Kaum war der Abschied aus der Politik vollzogen, flatterten auch schon die ersten Rügen von ACOBA ins Haus – jener britischen Aufsichtsbehörde, die sicherstellen soll, dass ehemalige Regierungsmitglieder ihre Macht nicht unmittelbar in private Gewinne ummünzen. Johnson aber kümmerte das wenig. Noch bevor die zuständige Kommission überhaupt grünes Licht gegeben hatte, kündigte er seine neue Kolumne bei der Daily Mail an. Ein klarer Regelverstoß, wie ACOBA später schriftlich festhielt. Doch Sanktionen? Keine. Die Behörde darf nur ermahnen, nicht bestrafen. Ein zahnloser Tiger, der brav Briefe schreibt, während der ehemalige Premier längst seine nächste Beratungsfirma gründet.

Und da kommt sie ins Spiel – Bia Advisory, Johnsons erster Versuch, moralische Rhetorik mit monetärem Erfolg zu verknüpfen. In seinen offiziellen Schreiben an die Aufsichtsbehörde stilisierte er seine Tätigkeit als „strategische Beratung“ im Dienste des Klimaschutzes. Wieder einmal die große Moral: Netto-Null, Nachhaltigkeit, Verantwortung. Doch als ACOBA nachprüfte, wer oder was diese „Bia Advisory“ überhaupt ist, stieß man ins Leere. Kein Eintrag im Firmenregister, keine offizielle Struktur, kein transparenter Geschäftszweck. Nur ein Name, eine nebulöse Webseite – und Johnson, der ehemalige Regierungschef, mittendrin.

Die Beamten schrieben, es sei „schwierig zu sehen, wie Mr. Johnson mit der Regierung zusammenarbeiten könnte, ohne dass es als Lobbyismus verstanden wird.“ Übersetzt: Der Mann nutzt seine alten Kontakte, um sich und seine Geschäftspartner zu bereichern – während er in der Öffentlichkeit das Gegenteil behauptet.

Der Prediger der westlichen Tugend

Wer Johnsons Reden hört, bekommt das volle Arsenal westlicher Tugendrhetorik serviert. Freiheit, Demokratie, Solidarität – die großen Wörter, die immer dann aus der Schublade gezogen werden, wenn es gilt, geostrategische Interessen oder persönliche Karrieren zu veredeln. Seit 2023 ist Johnson bei der einflussreichen Harry Walker Agency unter Vertrag, einer jener Firmen, die Politiker nach ihrem Ausscheiden vermarkten wie Popstars. Dort kassiert er Millionen für Auftritte, in denen er von „der moralischen Pflicht des Westens“ spricht, Kiew zu unterstützen.

Gleichzeitig gründet er neue Firmen wie Better Earth, angeblich für Emissionshandel und Klimaschutz. Auf dem Papier klingt das nach einem Beitrag zum Weltfrieden. In der Realität scheint es sich eher um eine elegante Fassade zu handeln, hinter der dieselben Mechanismen ablaufen wie bei Bia Advisory: Prestige, Kontakte, Geld.

Besonders pikant ist ein Vertrag mit der Investmentfirma Merlyn Advisors. 200.000 Pfund pro Meeting plus 35.000 Pfund monatlich für ein „Think Tank“-Projekt, das – welch Zufall – genau Johnsons Ideen fördern soll. Moral als Marke, Kriegsrhetorik als Marketingstrategie. Der Mann, der einst Europa spaltete, verkauft jetzt Einheit, Widerstandskraft und westliche Werte – mit Preisschild.

Die NATO-Connection

Johnson wäre nicht Johnson, wenn er seine Netzwerke nicht auch auf internationaler Bühne ausweiten würde. So sitzt er mittlerweile in einer „International Working Group“, gemeinsam mit niemand Geringerem als dem ehemaligen NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen und dem ukrainischen Präsidentenberater Andrij Jermak. Offiziell geht es um „europäische Sicherheitsarchitektur“ und „Empfehlungen zum NATO-Beitritt der Ukraine“. Inoffiziell geht es um Einfluss – und die Frage, wie tief westliche Lobbystrukturen inzwischen mit der Kriegsmaschinerie verflochten sind.

Dass ein ehemaliger Premierminister eines NATO-Staates jetzt direkt mit ukrainischen Regierungsvertretern und NATO-Strategen zusammensitzt, ohne jegliche demokratische Legitimation, ist ein beunruhigendes Symptom. Es zeigt, wie sich Macht längst von gewählten Institutionen gelöst hat. Der Krieg in der Ukraine dient nicht nur als geopolitisches Spielfeld, sondern auch als Karriere- und Profitmaschine für jene, die wissen, wie man den moralischen Ton trifft.

Johnson spielt diese Rolle perfekt. Er redet von „Freiheit“ und „Verteidigung westlicher Werte“, während er in Wirklichkeit vor allem eines verteidigt: seine eigene Relevanz – und seine Einkünfte.

Ein Spiegel des Systems

Man könnte meinen, Johnson sei ein besonders dreister Einzelfall. Doch in Wahrheit ist er nur das Symptom eines Systems, das moralische Rhetorik zur Währung gemacht hat. ACOBA, die Ethikkommission, kann nichts tun außer höflich erinnern. Ihre Briefe enden stets gleich: „Wir werden die Korrespondenz zu gegebener Zeit veröffentlichen.“ Das ist Bürokratenenglisch für: „Wir können ihn nicht stoppen.“

Johnson hat das Spiel durchschaut. Er weiß, dass die Öffentlichkeit moralische Erzählungen liebt – solange sie gut verpackt sind. Er weiß, dass Medien und Konferenzen lieber den „mutigen Verteidiger der Freiheit“ sehen als den geschäftstüchtigen Lobbyisten. Und er weiß, dass man im Westen mit der richtigen Haltung mehr verdienen kann als mit jedem ehrlichen Job.

So hat der Mann, der einst das Brexit-Chaos orchestrierte, einen noch größeren Coup gelandet: Er hat das Narrativ der Ukraine-Hilfe in ein Geschäftsmodell verwandelt. Während Soldaten an der Front sterben, kassieren im Hintergrund jene, die den Krieg rhetorisch am Leben halten. Johnson ist dabei nicht der einzige – aber er ist das sichtbarste Gesicht dieses neuen Machtgefüges, in dem Moral, Krieg und Kapital zu einem lukrativen Dreiklang verschmelzen.

In seinem Fall ist der „Kampf für die Freiheit“ nichts anderes als ein Geschäftsplan mit PR-Abteilung. Und die britische Politik, unfähig oder unwillig, echte Grenzen zu ziehen, liefert die perfekte Kulisse für diesen moralisch lackierten Lobbyismus.

Am Ende ist der Fall Boris Johnson weniger eine Geschichte über einen gefallenen Premier als über eine westliche Elite, die jedes Ideal in Ware verwandelt – ob Klima, Krieg oder Moral. Johnson hat das Spiel nur perfektioniert. Die wahren Gewinner sitzen in den Agenturen, Stiftungen und Beratungsfirmen, die aus jeder Tragödie ein Geschäftsmodell machen.