Was als strategische Expansion begann, entpuppt sich als fataler Irrtum: Der milliardenschwere Kauf des US-Agrarkonzerns Monsanto durch Bayer im Jahr 2018 sollte dem Leverkusener Traditionsunternehmen den Aufstieg zum globalen Agrarführer sichern. Stattdessen sehen sich die Bayer-Verantwortlichen mit zehntausenden Klagen konfrontiert. Die Vorwürfe: Das Monsanto-Produkt Glyphosat stehe im Verdacht, Krebs zu verursachen – trotz entlastender Bewertungen durch internationale Aufsichtsbehörden.
Die Klagewelle, insbesondere aus den USA, brachte Milliardenkosten mit sich. Interne Sparprogramme, massive Stellenstreichungen und Werksschließungen sind die direkte Folge. Der Konzern steht unter enormem Druck. In Frankfurt-Höchst, einem Standort mit mehr als hundertjähriger Industriegeschichte, sollen bis Ende 2028 rund 500 Stellen wegfallen. Das Werk wird dann geschlossen – ein weiterer Sargnagel im industriellen Erbe der Bundesrepublik.
https://twitter.com/FAZ_NET/status/1940075290375393509Widerstand gegen den Niedergang
Die Mitarbeiter schlagen Alarm. Proteste auf dem Werksgelände, lautstarke Kundgebungen und Medienauftritte der Betriebsräte zeigen: Die Beschäftigten wollen sich nicht kampflos ergeben. Für viele geht es nicht nur um den Arbeitsplatz, sondern auch um die Frage, ob Deutschland als Industriestandort noch eine Zukunft hat.
Gleichzeitig zeigt sich die Konzernleitung unnachgiebig. Der neue Vorstandsvorsitzende Bill Anderson verfolgt eine radikale „Entschlackung“. Bayer solle kleiner, schneller, effizienter werden. Dabei geraten aber nicht nur Hierarchien ins Wanken, sondern ganze Standorte. In internen Papieren ist von einem "Umbau zur global vernetzten Agrarplattform" die Rede. Für die betroffenen Beschäftigten klingt das wie Hohn.
Ein Hoffnungsschimmer: Ein unabhängiger Wirtschaftsberater soll nun prüfen, ob Teile des Werks verkauft oder ausgegliedert werden können, um zumindest einige Arbeitsplätze zu retten. Doch ob das gelingt, bleibt fraglich – zu schwer lasten die globalen Herausforderungen auf dem Unternehmen. Dabei war von Anfang an klar, dass mit dem Kauf von Monsanto durch Bayer ein Rattenschwanz an Problemen mit erworben werden.
China und der ruinöse Wettbewerb
Hinzu kommt: Die internationale Konkurrenz schläft nicht. Gerade chinesische Hersteller drängen mit billig produzierten Pflanzenschutzmitteln auf den Markt und setzen Bayer zusätzlich unter Druck. Der Preiskampf ist gnadenlos – und der Standort Deutschland angesichts der zu hohen Energiepreise zunehmend unattraktiv für international agierende Konzerne. Ein direktes Resultat aus verkorkster Energiewende und den Energie-Sanktionen gegen Russland.
Bayer hat in den vergangenen Jahren bereits rund 7.000 Stellen gestrichen – ein erheblicher Teil davon in Deutschland. Die Mitarbeiterzahl sank von über 100.000 auf rund 92.800. Die Restrukturierung ist also kein Einzelfall, sondern Teil eines systemischen Rückzugs aus der Fläche. Die einstige Stärke – eine starke industrielle Heimatbasis – wird nun zur Last im globalen Wettbewerb. Die Aktionäre zeigen sich zunehmend nervös. Der Börsenkurs von Bayer liegt heute deutlich unter dem Niveau vor dem Monsanto-Deal. Das Vertrauen ist erschüttert – nicht nur an den Märkten, sondern auch innerhalb der Belegschaft.
Das Erbe von Höchst – und sein Ende?
Frankfurt-Höchst ist mehr als ein Produktionsstandort. Es ist Symbol für das industrielle Herz Deutschlands – eine Wiege der Chemiebranche, ein Ort der Innovation. Doch genau dieses Herz droht stillzustehen. Aus ehemals 30.000 Beschäftigten am Standort sind nur noch wenige Tausend geblieben. Nun droht auch dieser Rest zu verschwinden.
Die Bilder der leergefegten Werkstore, der demonstrierenden Mitarbeiter und der schweigenden Vorstandsetage zeichnen ein düsteres Bild: Wenn selbst Bayer nicht mehr konkurrenzfähig in Deutschland produzieren kann, was bleibt dann noch übrig? Der Fall erinnert an das Schicksal von Hoechst, Agfa oder Mannesmann – ein Rückzug der Industrie aus ihrer eigenen Heimat.
Was folgt, ist ungewiss. Gelingt der Umbau – oder bedeutet er das schleichende Ende? Die Antwort auf diese Frage wird nicht nur über das Schicksal eines Unternehmens entscheiden, sondern über das Selbstverständnis eines ganzen Landes als Wirtschafts- und Innovationsmacht.



