Es ist ein Bild mit Symbolkraft für den Zustand der westlichen Welt: Während über Washington die Blitze zucken und das „Wetter-Chaos“ die feierwütigen Massen in die Flucht schlägt, steht im Zentrum eines sorgsam inszenierten Sturms ein Mann, der sich selbst für die Wetterstation und den Blitzableiter der Nation hält. 250 Jahre USA – das klingt nach historischer Tiefe, nach dem heroischen Sommer 1776, als Männer wie Thomas Jefferson und Benjamin Franklin in Philadelphia ein Dokument unterzeichneten, das die Welt verändern sollte. Doch in der aktuellen Realität fühlt es sich eher nach einer überlangen Episode von „The Apprentice“ an, in der das Land die Rolle des Kandidaten spielt, der kurz vor dem Rauswurf steht. Donald Trump hat die Kunst perfektioniert, eine nationale Feierlichkeit in eine Selbstbeweihräucherung zu verwandeln, bei der die Freiheitsstatue eigentlich nur deshalb noch steht, weil sie gerade kein besseres Angebot für einen Golfplatz auf Long Island hatte. Es ist das totale Verschmelzen von Staatsraison und Showgeschäft, eine Melange aus Sternenbanner und Sponsoring, bei der man nie ganz sicher ist, ob man gerade der Geburt einer Supermacht oder dem Saisonfinale einer Reality-Show beiwohnt.
Man muss diesen Donald Trump fast bewundern für die Chuzpe, mit der er vor dem Lincoln Memorial steht und vor einer „Übernahme durch Kommunisten“ warnt, als stünden die sowjetischen Panzer bereits kurz vor New Jersey. Das ist Geschichtsunterricht für Fortgeschrittene nach Art des Hauses: Aus den 13 Kolonien, die einst gegen die Tyrannei des britischen Königs George III. aufbegehrten, ist unter Trump ein Land geworden, das seine Feinde nicht mehr im fernen London sucht, sondern im eigenen Nachbargarten. Damals, 1776, ging es darum, die Fesseln eines Empire zu sprengen; heute geht es darum, die Fesseln der Realität zu sprengen. Trump inszeniert sich als neuer Washington, nur dass er nicht den Delaware überquert, um die Hessen zu überraschen, sondern den digitalen Rubikon überschreitet, um die Demokraten zu erschrecken. In der Welt des Donald T. gibt es keine Grautöne, sondern nur glorreiche Siege oder den totalen Untergang durch dunkle Mächte, die wahlweise aus Brüssel, Peking oder dem Keller des Weißen Hauses gesteuert werden. Dass das Land nach zweieinhalb Jahrhunderten tiefer gespalten ist als ein schlecht geschnittenes Baguette, kümmert den Zeremonienmeister wenig, solange die Kameras auf ihn gerichtet sind.
Er verspricht die Rückkehr zu einer Größe, die er selbst erst erfunden hat, während er gleichzeitig den Geist der Rebellion beschwört – allerdings eine Rebellion gegen alles, was nicht seinem eigenen Spiegelbild entspricht. Es ist eine Kundgebung, die weniger an Thomas Paine erinnert als an einen Teleshopping-Kanal, auf dem man die Demokratie zum Sonderpreis mit lebenslanger Garantie auf Überraschungen erwerben kann. Paine schrieb einst „Common Sense“, den gesunden Menschenverstand; Trump antwortet darauf mit „Uncommon Nonsense“ und das Volk johlt vor Begeisterung. Das historische Pathos, das einst die Basis für den Aufstieg zur Weltmacht bildete, wird hier zur Kulisse für einen Mann, der die Verfassung vermutlich für eine Speisekarte hält, in der er sich die Rosinen herauspicken kann. Während 1787 in der Convention von Philadelphia mühsam um Checks and Balances gerungen wurde, sind Trumps „Balances“ heute vor allem eine Frage des Kontostandes und der Einschaltquoten.
Dabei ist das eigentlich Faszinierende die Reaktion des Publikums, das im strömenden Regen ausharrt, um sich sagen zu lassen, dass sie die letzten Verteidiger des Abendlandes sind. Wenn Trump vor den „radikalen Linken“ warnt, die das Erbe von 1776 zerstören wollen, dann ist das purer Satire-Stoff: Die Umkehrung der Vernunft in ein Spektakel der Angst. Amerika feiert sich selbst, indem es sich vor sich selbst fürchtet. Die Gründerväter hätten vermutlich bei diesem Anblick freiwillig den britischen Tee im Hafen von Boston gelassen und um eine Audienz beim König gebeten, nur um diesem Zirkus zu entgehen. Die Vision von der „City upon a Hill“, die einst John Winthrop beschwor, ist unter Trump zu einer „City upon a Billboard“ verkommen – hell erleuchtet, laut und käuflich. Aber in der Ära des postfaktischen Feuerwerks zählt nicht die Substanz, sondern die Lautstärke der Böller.
Besonders amüsant ist natürlich die Berichterstattung in Europa, wo man mit einer Mischung aus Abscheu und heimlicher Faszination auf das Schauspiel blickt. Man rümpft die Nase über den „pompösen Narzissmus“, während man gleichzeitig jede Minute der Rede analysiert, als handele es sich um die Bergpredigt eines neuen Messiahs. Unsere hiesige „Qualitätspresse“ versucht krampfhaft, das Phänomen Trump als Betriebsunfall der Geschichte einzuordnen, dabei ist er das logische Endprodukt einer Kultur, die Unterhaltung für wichtiger hält als Aufklärung. Amerika im Jahr 250 – das ist ein Land, das seine Geschichte als Requisite nutzt, um eine Zukunft zu inszenieren, die vor allem aus Goldfarbe und markigen Sprüchen besteht. Dass Trump den Feiertag für sich okkupiert hat, ist lediglich die konsequente Fortführung einer Politik, die das Individuum über die Institution stellt – eine Entwicklung, vor der schon Alexis de Tocqueville warnte, als er über die Gefahren der „Tyrannei der Mehrheit“ philosophierte.
Vielleicht ist das auch die bittere Lektion dieses Jubiläums: Die USA sind nicht an ihren äußeren Feinden gescheitert, nicht an den Briten, nicht an den Konföderierten und sicher nicht an fiktiven Kommunisten im eigenen Staatstheater. Sie scheitern an ihrer Unfähigkeit, Langeweile zu ertragen oder die eigene Geschichte ernst zu nehmen, ohne sie in Kitsch zu ertränken. Ein Präsident, der keine echte Krise hat, erfindet eine, und ein Land, das keine Feinde mehr hatte, suchte sie sich im eigenen Spiegelbild. 250 Jahre Freiheit bedeuten heute vor allem die Freiheit, sich jeden Tag aufs Neue zu fragen, ob man in einer Demokratie oder in einem Freizeitpark lebt. Donald Trump hat die Antwort bereits gegeben: Er ist der Besitzer des Parks, und wir sind die Gäste, die sich über die Preise und das schlechte Wetter beschweren, aber trotzdem nicht nach Hause gehen.
Am Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn die Pyro-Technik verraucht ist. Amerika hat sich in zweieinhalb Jahrhunderten vom Experiment der Freiheit zur Kulisse der Selbstbespiegelung gewandelt. Die Party in Washington mag vom Regen weggeschwemmt worden sein, aber das Echo des Bosses hallt nach. Es ist das Pfeifen auf der Titanic, kurz bevor die Bordkapelle den Refrain von „Make America Great Again“ anstimmt. Die historische Ironie will es, dass ausgerechnet der Mann, der behauptet, das Erbe der Freiheit zu retten, am meisten davon profitiert, dass das Volk die Geschichte vergessen hat.
Herzlichen Glückwunsch, Amerika – auf die nächsten 250 Jahre, sofern wir die nächsten vier überleben und nicht vorher an einer Überdosis Pathos und Plastiksternchen ersticken.

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