In der klassischen Volkswirtschaftslehre heißt es, dass Inflation vor allem ein Resultat einer Überhitzung der Volkswirtschaft ist, weil die Nachfrage nach Gütern und/oder Dienstleistungen das Angebot übersteigt. Dies stimmt allerdings nur bedingt und ist im aktuellen Fall vor allem ein Resultat der Verknappung des Angebots von Energieträgern wie Erdgas und partiell auch Erdöl, sowie von Disruptionen auf den Lebensmittelmärkten. Ganz zu schweigen von den infolge der Lockdowns gestörten Lieferketten, die in vielen industriellen Bereichen bereits zu einer Mangelwirtschaft führten.

Im aktuellen Fall liegt die Lösung für das Inflationsproblem vor allem auf der politischen Ebene und nicht im Einflussbereich der Zentralbanken. Denn es sind vor allem die Sanktionen gegen Russland, die für ein knappes Angebot insbesondere bei der Energie sorgen und dort die Preise massivst in die Höhe treiben. Auch die Auswirkungen auf die Landwirtschaft durch die stark steigenden Preise bei künstlichen Düngemitteln sind weitestgehend sanktionsinduziert. Das heißt, wir können nicht einmal ansatzweise von einer Überhitzung der Volkswirtschaften sprechen, so dass Zinserhöhungen weitestgehend ins Leere greifen.

Zwar kann die EZB mit höheren Zinssätzen den Außenwert des Euros (z.B. gegenüber dem US-Dollar) etwas stabilisieren, was zumindest in Bezug auf die Importpreise von Energieträgern und Lebensmitteln eine minimale Entlastung bringt - doch gleichzeitig verschärft sich dadurch die finanzielle Lage für jene Unternehmen und Menschen, die variabel verzinste Kredite laufen haben oder auf solche angewiesen sind. Das heißt, dass dadurch auch noch laufende (aber schwächelnde) Unternehmen nach zwei Jahren Lockdowns und Restriktionen weiteren Problemen ausgesetzt sind und dadurch in den Konkurs getrieben werden.

Dies wird über kurz oder lang auch die Angebotskrise verschärfen und die europäischen Volkswirtschaften in die Stagflation (stagnierende oder gar rezessive Wirtschaftsleistung bei gleichzeitig hoher Inflation) abgleiten lassen. Von der Auslöschung der industriellen Basis Europas ganz zu schweigen, deren einziger Wettbewerbsvorteil bislang noch in niedrigen Energiepreisen lag und mittlerweile international kaum mehr konkurrenzfähig ist.

Das Problem der hohen Inflation kann also faktisch nur durch politische Maßnahmen angegangen werden. Dies bedeutet, dass eine weitestgehende Normalisierung der Beziehungen zu Russland unumgänglich ist, wenn die führenden Politiker nicht die wirtschaftliche Zukunft des Kontinents komplett aufs Spiel setzen wollen. Denn je stärker die Zinssätze nun steigen, desto kritischer wird die Lage für immer mehr Unternehmen und Bürger und die Zahlungsausfälle könnten schlussendlich auch die Banken in arge Bedrängnis bringen und eine neue Finanzkrise auslösen.