Über 10.000 nordkoreanische Soldaten sollen bereits auf russischem Boden stehen. Der Großteil dieser Truppen konzentriert sich im Oblast Kursk, wo sie offenbar mehr tun als nur Warteschlangen vor den lokalen Borschtsch-Kantinen zu bilden. Die ersten Schüsse zwischen ukrainischen und nordkoreanischen Einheiten sind Berichten zufolge bereits gefallen – allerdings noch auf russischem Territorium. Es ist eine historische Premiere, die niemand herbeigesehnt hat: Der erste direkte militärische Kontakt zwischen der Ukraine und Soldaten der Demokratischen Volksrepublik Korea seit Beginn der russischen Invasion.
Während das Pentagon die Situation mit der ihm eigenen diplomatischen Zurückhaltung kommentiert und von "Kampf- oder Kampfunterstützungsfähigkeiten" spricht, wird Kiews Außenminister Andrii Sybiha deutlicher: "Wir fordern Europa auf zu begreifen, dass nordkoreanische Truppen jetzt einen Aggressionskrieg in Europa gegen einen souveränen europäischen Staat führen." Die russische Führung und das Regime in Pjöngjang hüllen sich in bedeutungsschwangeres Schweigen, verweisen aber vielsagend auf ihr im Sommer geschlossenes Verteidigungsabkommen. Ein Abkommen, das offenbar mehr enthält als nur den Austausch von Militärparaden-Choreografien.
Präsident Selenskyj nutzt diese Entwicklung, um den Westen zu einer Lockerung der Beschränkungen für weitreichende Raketensysteme zu bewegen. Bisher allerdings ohne Erfolg – die NATO-Partner reagieren auf diese Forderung etwa so enthusiastisch wie ein Vegetarier auf eine Einladung zum Schlachtfest. Die amerikanische Administration hat immerhin klargestellt, dass nordkoreanische Truppen auf ukrainischem Boden als "legitime militärische Ziele" betrachtet werden. Eine diplomatische Art zu sagen: Wer sich mit Putin ins Bett legt, muss damit rechnen, unsanft geweckt zu werden.
Diese unerwartete Eskalation verwandelt den bereits größten Landkrieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg in ein noch komplexeres geopolitisches Schachspiel. Ein Spiel, bei dem nun auch Bauern aus Fernost auf dem Brett stehen – und niemand so recht weiß, welchen Zug Kim Jong Un als nächstes plant.



