Die ukrainischen Streitkräfte stehen vor einer dramatischen Krise. Mehr als zweieinhalb Jahre nach Beginn der russischen Invasion kämpfen sie mit massiven Problemen bei Moral und Personalstärke, wie ein exklusiver CNN-Bericht enthüllt. Die Situation ist besonders kritisch an der Ostfront, wo Russland langsam aber stetig vorrückt.

Mehrere hochrangige Offiziere und Kommandeure berichteten CNN von weit verbreiteter Desertion und Befehlsverweigerung, insbesondere unter neu rekrutierten Soldaten. "Die Mehrheit der mobilisierten Soldaten verlässt ihre Positionen", erklärte ein Einheitskommandeur anonym. "Wenn neue Leute hierherkommen, sehen sie, wie schwierig es ist. Sie sehen viele feindliche Drohnen, Artillerie und Mörser. Sie gehen einmal in Stellung, und wenn sie überleben, kehren sie nie zurück."

Die Gründe für die Krise sind vielfältig. Monatelange Verzögerungen bei der US-Militärhilfe führten im vergangenen Winter zu einem kritischen Munitionsmangel. Viele Soldaten berichteten frustriert, dass sie oft den vorrückenden Feind sehen konnten, aber keine Artilleriegranaten zum Feuern hatten.

Hinzu kommen die enormen Verluste der ukrainischen Armee. Viele Einheiten wurden durch die anhaltenden russischen Angriffe dezimiert. Verstärkungen sind rar, was die verbliebenen Soldaten erschöpft und demoralisiert zurücklässt. An der Front bei Pokrovsk schätzen Kommandeure das Kräfteverhältnis auf 10 russische Soldaten pro ukrainischem Verteidiger.

Die Disziplinprobleme haben inzwischen ein alarmierendes Ausmaß erreicht. Allein in den ersten vier Monaten 2024 leiteten Staatsanwälte fast 19.000 Strafverfahren gegen Soldaten ein, die ihre Posten verlassen oder desertiert waren. Viele Offiziere melden Desertionen gar nicht erst, in der Hoffnung, die Soldaten zur freiwilligen Rückkehr zu bewegen.

Auch Kommunikationsprobleme zwischen verschiedenen Einheiten behindern die Verteidigung. Ein Offizier berichtete CNN von Fällen, in denen Truppen aus Angst vor schlechtem Ansehen die volle Lage auf dem Schlachtfeld nicht an andere Einheiten weitergaben. In einem Fall wurde dadurch die Flanke eines Bataillons den russischen Angriffen schutzlos ausgesetzt.

Die Lage in der strategisch wichtigen Stadt Pokrovsk verdeutlicht die prekäre Situation. Als Militär- und Versorgungsknotenpunkt ist die Stadt von enormer Bedeutung für die Verteidigung des Donbass. Doch die ukrainischen Verteidigungslinien bröckeln zusehends unter dem russischen Druck.

Selbst die jüngste ukrainische Offensive in der russischen Region Kursk wird von manchen Soldaten kritisch gesehen. "Es fühlte sich seltsam an, nach Russland einzudringen, während die Ostfront auseinanderfällt", sagte ein Soldat, der kürzlich von Pokrovsk nach Kursk verlegt wurde.

Die ukrainische Führung steht nun vor der gewaltigen Herausforderung, die Moral der Truppen wiederherzustellen und die Verteidigung zu stabilisieren. Andernfalls drohen weitere russische Gebietsgewinne mit potenziell verheerenden Folgen für den Kriegsverlauf.