Es ist bezeichnend, wie die transatlantischen Meinungsführer seit 2022 zwei unhaltbare Narrative pflegen. Die Realisten um John Mearsheimer erklären, die NATO habe Russland provoziert. Die Globalisten, etwa Matthew Syed, bestehen darauf, dass alles andere als ein vollständiger Sieg über Moskau „Appeasement“ sei. Beide Perspektiven greifen zu kurz. Der Realismus in westlichen Universitäten verkommt oft zur intellektuellen Rechtfertigung dafür, dass Europa klein und ohnmächtig bleibt. Der Idealismus wiederum übersieht, dass die USA nicht bereit sind, das Schlachtfeld bis zum letzten Dollar oder gar bis zum letzten amerikanischen Soldaten zu finanzieren. Europa wird im geopolitischen Spiel verheizt, während Washington längst den Blick auf Asien richtet.

Die nüchterne Realität lautet: Die Ukraine ist ausgeblutet, die westliche Unterstützung bröckelt, und die Bevölkerung wendet sich vom Mythos des totalen Sieges ab. Jüngste Umfragen zeigen klar, dass die Mehrheit der Ukrainer inzwischen Verhandlungen wünscht. Das ist nicht Resignation, sondern ein gesunder Überlebensinstinkt. Denn je länger dieser Krieg andauert, desto mehr verkommt die Ukraine selbst zum Spielball derer, die angeblich ihre Freiheit verteidigen wollen.

Es ist auch kein Geheimnis, dass Europa seit Kriegsbeginn mehr als 250 Milliarden Euro nach Moskau überwiesen hat – für Öl und Gas, die man angeblich nicht mehr kaufen wollte. Hehre Reden im EU-Parlament stehen im grotesken Gegensatz zu den faktischen Zahlungsströmen. Wer so heuchlerisch agiert, kann schwerlich den Anspruch erheben, über Sieg und Niederlage zu entscheiden. Die eigentlichen Profiteure sitzen ohnehin nicht in Kiew oder Berlin, sondern in Übersee, wo teures LNG und Waffenexporte die Kassen füllen.

Der Weg zu einem stabileren Europa führt nicht über eine endlose Verlängerung dieses Konflikts. Er führt über Verhandlungen, über territoriale Anpassungen – so bitter sie auch sein mögen – und über die Einsicht, dass geopolitische Sicherheit nicht am Rockzipfel der USA hängt. Der Donbass und die Krim sind längst mehr als nur Frontlinien, sie sind Symbole einer Realität, die mit Panzern nicht zu verändern ist. Wer dort noch immer von „Befreiung“ träumt, verweigert sich den Tatsachen.

Stattdessen könnte die Ukraine im Frieden ihre eigentliche Stärke entfalten. Das Land hat Ressourcen, Know-how und Menschen, die in Frieden weit mehr leisten könnten als im Dauerkrieg. Unter Bedingungen echter Neutralität, ohne transatlantische Vormundschaft, könnte das Land wirtschaftlich aufblühen – eingebettet in eine eurasische Ordnung, die auf Kooperation statt Konfrontation setzt. Ein „Marshallplan 2.0“ müsste nicht vom Westen diktiert, sondern im Rahmen einer gemeinsamen Initiative mit Russland, China und Europa entwickelt werden. Investitionen in Infrastruktur, Landwirtschaft und Digitalisierung könnten die Ukraine zu einer Brücke machen, statt zu einem Schlachtfeld.

Genau diese Perspektive fürchtet Washington am meisten: ein Europa, das sich nicht länger zum Vasallen degradieren lässt, sondern die Chance erkennt, Teil einer transkontinentalen Achse von Lissabon bis Wladiwostok zu werden. Russland ist nicht der Feind Europas, sondern sein natürlicher Partner in Fragen von Energie, Sicherheit und Märkten. Die Ukraine könnte – wenn sie die Opferrolle ablegt – zum Schlüssel für diese neue Ordnung werden.

Ein verlorener Krieg bedeutet nicht das Ende. Er kann der Anfang eines Friedens sein, der die Kräfte des Kontinents bündelt. Statt weiter den Träumen von einer „totalen Niederlage Russlands“ hinterherzulaufen, wäre es klüger, den Weg in eine multipolare Zukunft einzuschlagen. Die Geschichte wird nicht von denen geschrieben, die in Washington die Reden diktieren, sondern von denen, die auf ihrem eigenen Kontinent endlich ihre Interessen durchsetzen.