Nach zwölf Tagen blutiger Eskalation im Nahen Osten scheint der unmittelbare Krieg zwischen Israel und dem Iran zunächst gestoppt. US-Präsident Donald J. Trump verkündete über sein Netzwerk Truth Social die Umsetzung eines Waffenstillstands: „THE CEASEFIRE IS NOW IN EFFECT. PLEASE DO NOT VIOLATE IT!” – ein dramatischer Appell, der einem Befehl gleicht.
Was sich zunächst wie ein diplomatischer Sieg anhört, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als brüchige Zäsur in einem Konflikt, der nicht gelöst, sondern lediglich aufgeschoben wurde. Kein umfassendes Friedensabkommen, keine Garantien, keine Rückkehr zum Status quo ante – sondern lediglich ein Waffenstillstand, vermittelt unter der Schirmherrschaft der USA und Katars, dessen Bestand von Stunde zu Stunde neu ausgehandelt wird.

Letzte Schläge vor dem Stillstand
Wenige Stunden vor Inkrafttreten der Feuerpause kam es noch zu einem tödlichen Schlagabtausch. Israelische Luftschläge forderten neun Tote im Norden Irans und sollen einen weiteren iranischen Nuklearwissenschaftler das Leben gekostet haben. Der Iran wiederum antwortete mit einem verheerenden Raketentreffer auf ein Wohngebäude in der israelischen Stadt Beersheba, bei dem mindestens fünf Menschen getötet und 26 verletzt wurden. Trümmer, Feuer, geschmolzene Fahrzeuge – ein Szenario, das die zivilen Kosten dieser Konfrontation offenbart. Israels Feuerwehr warnte eindringlich: „Zivile Präsenz gefährdet die Rettungsarbeiten massiv – halten Sie sich fern vom Ort des Geschehens!”
Trump als Vermittler: Realpolitik oder Inszenierung?
Dass Donald Trump als Friedensstifter auftritt, überrascht nicht wirklich – und passt ins Drehbuch seiner üblichen außenpolitischen Selbstinszenierung. In der Nacht zum Dienstag erklärte er über sein Netzwerk: „In a certain and very ironic way, that perfect ‘hit,’ late in the evening, brought everyone together, and the deal was made!!!”
Trump nennt den Krieg nun „THE 12 DAY WAR“ – eine deutliche Anspielung auf Israels legendären Sechs-Tage-Krieg von 1967. Damals, so die verbreitete Darstellung, verteidigte sich Israel gegen die arabischen Nachbarn. Historiker jedoch weisen darauf hin, dass Israel den Präventivschlag initiierte – ebenso wie in diesem jüngsten Konflikt. Erinnerungen werden wach an die Attacke auf die USS Liberty im Juni 1967, als israelische Streitkräfte ein amerikanisches Aufklärungsschiff angriffen und dabei 34 US-Soldaten töteten. Ein „Freundschaftsdienst“ unter Alliierten, über den Washington damals und bis heute hinwegschaut.
Teherans Reaktion: Kein Rückzug, nur ein Innehalten
Der iranische Außenminister Abbas Araghchi bekräftigte in einem Beitrag auf X: „Unsere Streitkräfte haben bis zur letzten Minute, um 4 Uhr morgens, geantwortet. Wenn Israel seine Aggressionen einstellt, werden auch wir keine weiteren Angriffe durchführen.“ Zugleich lobte er die Einsatzbereitschaft der iranischen Armee: „Unsere mutigen Streitkräfte sind bereit, unser Land bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen.“
Dies ist kein Friedensangebot, sondern eine Mahnung: Der Iran sieht sich als Opfer und zugleich als wehrhafte Nation. Kein Sieg – aber auch keine Kapitulation. Der Versuch, Teheran durch Luftschläge in die Knie zu zwingen, ist – zumindest vorerst – gescheitert.
Innerisraelischer Widerstand gegen Waffenstillstand
Der innenpolitische Druck auf die israelische Regierung wächst. Während Premierminister Benjamin Netanjahu offiziell den Waffenstillstand bestätigte und erklärte, Israel habe „alle Ziele von Operation Rising Lion und noch mehr“ erreicht, rumort es innerhalb des rechten Lagers. Der Vorsitzende der nationalistischen Partei Yisrael Beitenu, Avigdor Liberman, sprach von einem „gefährlichen Fehler“ und einem „verwundeten Löwen, der nicht tot ist“. Dan Illouz (Likud) stellte zynisch fest: „Hat der Feind kapituliert? Oder war das nur ein Punktsieg?“
Oppositionsführer Yair Lapid hingegen fordert ein Ende des Gaza-Kriegs und die Rückkehr der Geiseln. „Es ist Zeit, auch dort abzuschließen. Israel muss mit dem Wiederaufbau beginnen.“ Doch ein Wiederaufbau im Angesicht eines ungelösten regionalen Dauerkonflikts ist kaum mehr als politische Rhetorik.
Amerikas Neocons: Enttäuscht vom halben Krieg
In den USA sorgen sich vor allem die Pro-Israel-Lobbyisten und Neokonservativen. Sie witterten bereits den großen Wurf: ein umfassender Krieg gegen den Iran, zur Zerschlagung der letzten Regionalmacht, die sich dem westlichen Einfluss widersetzt. Doch der Traum vom „Regime Change“ in Teheran scheint vorerst geplatzt – sehr zum Ärger jener Kräfte, die seit Jahrzehnten auf einen „Großen Krieg“ gegen den Iran hinarbeiten.
Der Konflikt, der durch gezielte Provokationen in Gang gesetzt wurde, drohte erneut den gesamten Nahen Osten zu destabilisieren – mit unabsehbaren Folgen für Europa, Russland und China. Nun haben diese Akteure Zeit gewonnen. Aber wie lange?
Fazit: Ein Waffenstillstand ohne Sieg, ein Frieden ohne Vertrag
Was bleibt, ist eine blutige Bilanz – und ein Waffenstillstand, dessen Haltbarkeit ungewiss ist. Trump hat sich als Vermittler profiliert, doch seine Beweggründe bleiben undurchsichtig. Israel feiert einen „Erfolg“, obwohl es weder Teheran entwaffnen noch zur Aufgabe seines umstrittenen Atomprogramms zwingen konnte. Der Iran präsentiert sich als unerschütterlich und kampfbereit, während Washington zwischen den Fronten steht – unfähig, eine kohärente Nahostpolitik zu formulieren.
Dies war kein Sieg des Westens. Es war das Abwenden eines Flächenbrands – mit der Aussicht, dass er jederzeit erneut entfacht werden kann.


