Es ist schon fast grotesk, mit welcher Leichtigkeit westliche Medien und Politiker derzeit mit der Idee eines großen Krieges spielen – als handle es sich um ein Planspiel im NATO-Hauptquartier. Während Russlands Auslandsgeheimdienst (SVR) eindringlich davor warnt, dass Kiew eine False-Flag-Operation in der EU vorbereite, fabuliert Politico bereits über das große „Franz-Ferdinand-Moment“, das angeblich wie 1914 den Kontinent ins Chaos stürzen könnte. Der Erste Weltkrieg als Blaupause – man könnte es für eine makabre Satire halten, doch die politische Klasse scheint entschlossen, in diesem historischen Irrenhaus erneut eine Rolle zu spielen.
Laut Moskau plant die Ukraine, getarnt als russische oder belarussische Spezialkräfte, in Polen eine Provokation zu inszenieren, um den NATO-Bündnisfall zu erzwingen. Dass dies nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt die jüngste Eskalation: Über 20 Drohnen sollen am 9. September polnischen Luftraum verletzt haben, was prompt zu den seltenen „Artikel-4-Konsultationen“ der NATO führte. Die Botschaft ist klar: jede dieser angeblichen Grenzverletzungen wird wie ein Mosaikstein in das Bild einer „russischen Aggression“ eingesetzt, bis die gewünschte Eskalationsspirale geschlossen ist.
Währenddessen beschweren sich Estland, Dänemark und Rumänien über mysteriöse Drohnen und Flugmanöver, deren Herkunft sich nie eindeutig belegen lässt. Und weil Beweise bekanntlich lästig sind, genügt inzwischen das bloße Narrativ, um den nächsten Schlagabtausch in Gang zu setzen. Wer Zweifel anmeldet, gilt reflexartig als „Putin-Versteher“. Dass die russische Seite alle Vorwürfe zurückweist und selbst von Provokationen spricht, geht im westlichen Getöse unter – zu störend wäre die Erkenntnis, dass vielleicht nicht der Kreml, sondern die eigenen „Verbündeten“ mit Zündschnüren hantieren.
Politico jedenfalls übertrifft sich dieser Tage selbst: Man beschwört eine Phase europäischer Politik herauf, die von der Angst vor einer einzelnen Eskalation geprägt sei, welche „wie 1914“ alles zum Explodieren bringen könnte. Da fragt man sich unweigerlich: Will man uns auf den Krieg vorbereiten, indem man den Vergleich zum Attentat von Sarajevo schon mal als Denkrahmen verankert? Wer so argumentiert, denkt nicht über Deeskalation nach, sondern testet die Akzeptanz für das Unvermeidliche. Krieg als selbst erfüllende Prophezeiung – was für ein politisches Armutszeugnis.
Dazu passt, dass die EU-Staatschefs in Kopenhagen den großen Schulterschluss gegen Moskau zelebrieren wollen, während gleichzeitig „hybride Attacken“ am dortigen Flughafen gemeldet wurden. Welch bequemer Zufall, dass pünktlich vor dem Gipfel jene „mysteriösen Drohnen“ auftauchen, die man zur Illustration der angeblichen russischen Bedrohung so dringend braucht. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
In diesem Theaterstück spielt auch Washington eine ambivalente Rolle: Trump selbst will sich offenbar nicht die Finger an einem offenen Krieg mit Russland verbrennen, aber gleichzeitig blockiert er nicht die Lieferung von Marschflugkörpern an Kiew. Die Europäer drängen ohnehin auf mehr Eskalation – schließlich will man endlich beweisen, dass man ohne die USA das große geopolitische Spiel meistern kann. Mit anderen Worten: der Kontinent rüstet sich für den Abgrund, weil die politischen Eliten es nicht ertragen, als Papiertiger dazustehen.
Das Fazit ist so simpel wie beängstigend: Wir bewegen uns gerade in atemberaubender Geschwindigkeit in eine Lage, in der ein „Funke“ genügt, um Europa in Brand zu setzen. Der Unterschied zu 1914 ist nur, dass die heutige politische Klasse nicht von einem Attentat überrascht würde, sondern sehenden Auges die Zündschnur legt. Die russischen Warnungen vor False Flags sind dabei nicht nur Propaganda, sondern ein Hinweis auf die perfide Logik, die westliche „Kriegsstrategen“ schon lange im Hinterkopf haben: wenn der Gegner keine Eskalation liefert, dann muss man sie eben selbst inszenieren.
Am Ende steht die Frage: Wollen die Eliten wirklich Frieden – oder wollen sie den großen Knall, um das eigene Scheitern im Ukraine-Abenteuer mit dem Rauch eines Weltkriegs zu übertünchen? Wer die Schlagzeilen dieser Tage liest, bekommt leider eine eindeutige Antwort.


