Während die Frontlinie im Osten brennt und die westliche Unterstützung bröckelt, setzt Selenskyj auf einen umfassenden Regierungsumbau. Die Botschaft nach außen: Handlungsfähigkeit und Erneuerung. Doch hinter den Kulissen mehren sich Zweifel, ob die Maßnahmen mehr als ein taktisches Manöver sind, um die eigene Macht zu sichern und Kritiker ruhigzustellen. Die eigentlichen Probleme des Landes – Korruption, Bürokratie, ineffiziente Strukturen – bleiben weitgehend unangetastet.

Die neue Premierministerin Julija Swyrydenko, bislang Wirtschaftsministerin und enge Vertraute Selenskyjs, soll das Land durch die nächsten Monate führen. Ihr Aufstieg ist bezeichnend für den Kurs des Präsidenten: Loyalität scheint wichtiger als frische Ideen oder fachliche Unabhängigkeit. Die Ministerien werden zusammengelegt, Posten neu verteilt – doch viele der „neuen“ Gesichter sind altbekannte Weggefährten aus dem Umfeld des Präsidenten.

Die Fusion von Ministerien, etwa Wirtschaft, Umwelt und Landwirtschaft, wird von Experten als riskant bewertet. Die Verwaltung droht, in endlosen Abstimmungsprozessen zu versinken, während an der Front dringend Entscheidungen gebraucht werden. „Das ist kein Neuanfang, sondern ein Stühlerücken mit ungewissem Ausgang“, urteilt Svitlana Matviienko vom Thinktank Agency for Legislative Initiatives. Die Gefahr: monatelange Lähmung, während Russland weiter vorrückt.

Machtkonzentration statt Aufbruch?

Besonders kritisch sehen Beobachter die neue Machtfülle Selenskyjs. Der bisherige Premierminister Denys Schmyhal übernimmt das Verteidigungsministerium, das künftig mit dem Ministerium für strategische Industrien verschmolzen wird. Damit kontrolliert eine Handvoll Vertrauter zentrale Bereiche wie Verteidigung, Wirtschaft und Energie. Die Abgeordnete Iryna Friz warnt vor neuen Korruptionsrisiken und einem gefährlichen Machtkonzentrationseffekt: „Kunde, Käufer, Hersteller und Kontrolleur sind nun eine Institution.“ Transparenz und Kontrolle bleiben auf der Strecke.

Auch die Beziehungen zum Westen sind angespannt. Seit dem Eklat mit Donald Trump im Februar ist die US-Unterstützung unsicherer denn je. Die neue US-Botschafterin Olga Stefanishyna soll das Verhältnis kitten – doch ob sie gegen die Skepsis der Republikaner ankommt, bleibt fraglich. Die Ukraine ist mehr denn je auf westliche Hilfe angewiesen, doch Selenskyjs Kurs der Machtbündelung und Intransparenz könnte das Vertrauen der "Koalition der Willigen" weiter untergraben.

Die Herausforderungen für die neue Regierung sind enorm. Die Ukraine muss nicht nur ihre Verteidigung stärken, sondern auch die Energieversorgung sichern, die Wirtschaft entpolitisieren und soziale Programme umsetzen. Doch statt auf Fachkompetenz und Innovation zu setzen, dominiert das Prinzip der Loyalität. Viele Schlüsselressorts bleiben in den Händen bewährter Gefolgsleute. Die Opposition bemängelt, dass echte Profis und mutige Visionäre keine Chance bekommen. „In diesem Rennen um Loyalität verlieren wir den Respekt vor echten Profis und mutigen Visionären“, so Matviienko.

Die ukrainische Gesellschaft blickt mit wachsender Skepsis auf die Veränderungen. Viele fürchten, dass der Umbau vor allem dazu dient, die Macht des Präsidenten und seines inneren Zirkels zu zementieren. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Selenskyjs Kurs der Erneuerung tatsächlich greift – oder ob die Ukraine in alten Mustern verharrt, während der Druck von außen und innen weiter wächst.