Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am Samstag Schritte angekündigt, die auf ein mögliches Verbot der mit Moskau verbundenen orthodoxen Kirche in der Ukraine hindeuten. In seiner abendlichen Videoansprache erklärte Selenskyj, er wolle die "ukrainische geistige Unabhängigkeit stärken" und Moskau die "letzten Möglichkeiten nehmen, die Freiheit der Ukrainer einzuschränken".

Diese Äußerungen lassen aufhorchen, denn sie könnten weitreichende Folgen für die Religionsfreiheit im Land haben. Obwohl die Mehrheit der Ukrainer orthodoxe Christen sind, ist die Kirche gespalten: Eine Gruppe hat traditionelle Verbindungen zur russisch-orthodoxen Kirche, während eine andere, seit 2019 weltweit anerkannte Kirche unabhängig ist.

Seit der russischen Invasion im Februar 2022 hat die unabhängige Kirche stark an Zulauf gewonnen. Dennoch behält die mit Moskau verbundene Minderheitskirche Einfluss. Ukrainische Führungskräfte werfen ihr vor, die Invasion zu unterstützen und die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Kritiker sehen in Selenskyjs Vorstoß eine problematische Einschränkung der Religionsfreiheit. Bereits im letzten Jahr hatte das ukrainische Parlament einen Gesetzentwurf vorläufig gebilligt, der die Aktivitäten religiöser Organisationen mit Verbindungen zu Russland verbieten sollte. Der Entwurf steckt jedoch in der Schwebe, nachdem ein Versuch zur endgültigen Verabschiedung im letzten Monat scheiterte.

Die betroffene Kirche beteuert, alle Verbindungen zur russisch-orthodoxen Kirche nach der Invasion gekappt zu haben - eine Behauptung, die von ukrainischen Behörden angezweifelt wird. Gegen Dutzende Geistliche wurden bereits Strafverfahren, einschließlich Landesverratsvorwürfen, eingeleitet.

Einige ukrainische Abgeordnete befürchten zudem, dass ein solches Gesetz auf Widerstand bei konservativen Republikanern in den USA, dem wichtigsten westlichen Unterstützer der Ukraine, stoßen könnte - mit der Begründung, es schränke die Religionsfreiheit ein.

Selenskyjs Ankündigung wirft ernsthafte Fragen auf: Wie weit darf der Staat gehen, um vermeintliche Sicherheitsrisiken zu bekämpfen? Und wo liegt die Grenze zwischen dem Schutz nationaler Interessen und der Wahrung grundlegender Freiheitsrechte? Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Ukraine einen Weg findet, diese heikle Balance zu wahren.