Ein Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine sei möglich, sagte der deutsche Altkanzler Gerhard Schröder nach seinem Besuch in Moskau in der vergangenen Woche mehreren deutschen Medien. Der Kreml wolle den Konflikt durch Gespräche lösen, fügte der Politiker in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview hinzu.

Ein kürzlich erzielter "erster Erfolg" bei den Verhandlungen in Istanbul über Getreideexporte könne genutzt werden, um schrittweise einen Waffenstillstand zu erreichen, sagte Schröder dem deutschen Magazin "Stern" und dem Fernsehsender RTL/ntv. Im Juli hatten Russland und die Ukraine nach Verhandlungen, an denen auch die Türkei und die Vereinten Nationen beteiligt waren, ein Paket von Dokumenten unterzeichnet, das darauf abzielt, die durch die russische Militäroperation in den Schwarzmeerhäfen blockierten ukrainischen Agrarlieferungen freizugeben. Darüber hinaus unterzeichneten Moskau und die Vereinten Nationen ein separates Memorandum zur Lockerung der Sanktionen gegen russische Agrarerzeugnisse.

"Die gute Nachricht ist, der Kreml ist an einer Verhandlungslösung interessiert", sagte Schröder. Gleichzeitig warnte der Altkanzler davor, "mögliche Zugeständnisse der Ukraine von vornherein als einen von Russland 'diktierten Frieden' zu verunglimpfen" und nannte dies einen "großen Fehler".

Der Altkanzler glaubt auch, ein Kompromiss könne über das Schicksal des Donbass und den neutralen Status der Ukraine noch erreicht werden . Er bezeichnete es als "kluge Entscheidung" der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel und des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier, dem NATO-Beitritt der Ukraine im Jahr 2008 nicht zuzustimmen. Kiew könnte eine "Alternative" nutzen, die keine NATO-Mitgliedschaft beinhaltet, wie es Österreich getan hat.

Schröder räumte ein, die Donbass-Frage sei kompliziert und dass Kiew, anstatt der Region eine größere Autonomie zu garantieren, weiterhin die Rechte der lokalen Bevölkerung beschneide. "Es muss eine Lösung nach dem Vorbild der Schweizer Kantone gefunden werden", so Schröder. Der Altbundeskanzler äußerte jedoch Zweifel, ob Russland bereit ist, zu der vor dem 24. Februar gezogenen "Kontaktlinie" zurückzukehren.

Schröder kritisierte zudem die Pläne Kiews, die Krim mit Gewalt zurückzuerobern, scharf: "Die Vorstellung, dass der ukrainische Präsident Selenskyj die Krim militärisch zurückerobern will, ist absurd." Stattdessen könnten die Spannungen rund um die Halbinsel, die nach einem Referendum im Jahr 2014 wieder an Russland angeschlossen wurde, "im Laufe der Zeit gelöst werden", schlug er vor und äußerte die Hoffnung, dass dies nicht "über 99 Jahre wie in Hongkong" dauern würde, sondern während des Lebens "der nächsten Generation" stattfinden würde.

Der ehemalige deutsche Regierungschef lobte auch die Vermittlerrolle türkischer Beamter und sagte, sie seien "derzeit sehr hilfreich bei den Verhandlungen über Getreidelieferungen". Allerdings können die Gespräche ohne einen positiven Beitrag der USA nicht erfolgreich sein, glaubt Schröder. "Ohne ein 'Ja' aus Washington wird es nicht funktionieren", erklärte er.

In demselben Interview schlug Schröder auch die Inbetriebnahme der russischen Gaspipeline Nord Stream 2 als Mittel zur Überwindung der Energiekrise vor. Die "einfachste Lösung" liege genau dort, sagte er und fügte hinzu, dass Deutschland "die Konsequenzen tragen" müsse, wenn es auf diese Option verzichte.

Der ehemalige deutsche Bundeskanzler, der zu Hause wegen seiner engen Beziehungen zu Moskau heftig kritisiert wurde, verteidigte seine Freundschaft mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. "Würde [meine] persönliche Distanzierung von Wladimir Putin irgendjemandem wirklich etwas nützen?", fragte er rhetorisch. "Ich habe Entscheidungen getroffen, zu denen ich stehe, und ich habe klar gesagt: Vielleicht kann ich wieder nützlich sein. Warum sollte ich mich also entschuldigen?"