Während des 90-minütigen Gesprächs forderte Scholz Putin auf, "so schnell wie möglich zu einer diplomatischen Lösung zu kommen, die auf einem Waffenstillstand, einem vollständigen Rückzug der russischen Streitkräfte und der Achtung der territorialen Integrität und Souveränität der Ukraine beruht", wie Sprecher Steffen Hebestreit mitteilte.
Der Bundeskanzler betonte, dass etwaige weitere russische Annexionsschritte nicht unbeantwortet blieben und keinesfalls anerkannt würden. "Der Bundeskanzler forderte den russischen Präsidenten auf, gefangengenommene Kombattanten gemäß der Vorgaben des humanitären Völkerrechts, insbesondere der Genfer Abkommen, zu behandeln sowie einen ungehinderten Zugang des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz sicherzustellen", so Hebenstreit.
Der deutsche Bundeskanzler forderte Putin außerdem auf, "jede Eskalation" rund um das Kernkraftwerk Saporoschje zu vermeiden und eine von den Vereinten Nationen empfohlene "Sicherheitszone" um die Anlage einzurichten. Putin entgegnete, das Kraftwerk sei "ständigen Raketenangriffen aus der Ukraine ausgesetzt, was die reale Gefahr einer groß angelegten Katastrophe mit sich bringt", heißt es in einer Verlautbarung des Kremls zu dem Gespräch.
Der russische Präsident warf Kiew wiederum "eklatante Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht" vor und verwies auf den Beschuss der mehrheitlich russischsprachigen Städte im Donbass.
Putin bekräftigte gegenüber Scholz, Russland werde Europa mit Energie versorgen, falls die EU die Sanktionen gegen die Gaspipeline Nord Stream 1 aufhebt. Die Weigerung Deutschlands, die Nord Stream 2-Pipeline zu zertifizieren und gleichzeitig Russland für seine Energieprobleme verantwortlich zu machen, sei "sehr zynisch".
Scholz und Putin sollen zudem über die globale Lebensmittellage gesprochen haben. "Der Bundeskanzler hob die wichtige Rolle des Getreideabkommens unter der Ägide der Vereinten Nationen hervor und appellierte an den russischen Präsidenten, das Abkommen nicht zu diskreditieren und weiter vollständig umzusetzen", sagte der Sprecher.
Trotz der angespannten Beziehungen zwischen Deutschland und Russland vereinbarten Scholz und Putin, in Kontakt zu bleiben, wie beide Seiten nach dem Telefonat am Dienstag mitteilten.
Zusammen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron war Scholz einer der wenigen europäischen Staats- und Regierungschefs, die nach dem Beginn der russischen Militäroffensive in der Ukraine im Februar in Kontakt mit Putin blieben. Die beiden führten im Mai ein gemeinsames Gespräch mit dem russischen Präsidenten.



