"Ich bin erstaunt über diese ganzen Gespräche, die geführt werden mit Putin im Moment von Kanzler Scholz und von Präsident Macron", sagte der polnische Präsident Andrzej Duda am Mittwoch der "Bild" im Präsidentenpalast in Warschau. "Diese Gespräche bringen nichts. Sie bewirken nur eine Legitimierung eines Menschen, der verantwortlich ist für Verbrechen, die von der russischen Armee in der Ukraine begangen werden."
Um die Sinnlosigkeit der Gesprächskontakte mit Putin zu unterstreichen, bemühte der Präsident einen historischen Vergleich: "Hat jemand so mit Adolf Hitler im Zweiten Weltkrieg gesprochen? Hat jemand gesagt, dass Adolf Hitler sein Gesicht wahren können muss?" Solche Stimmen kenne er nicht. "Alle wussten: Man muss ihn besiegen", so Duda.
Kein Verständnis hat er für die Warnungen des Bundeskanzlers vor den Gefahren eines Atomkriegs in Zusammenhang mit den Waffenhilfen für die Ukraine: "Wenn wir Angst vor den russischen Atomwaffen haben, dann können wir uns alle gleich ergeben." Das Nuklearpotenzial der NATO und in der Welt könne Russland zerstören. Das sei eine Gefahr für die Welt, aber: "Putin weiß das auch." Sobald jemand Angst hat vor der russischen Erpressung habe, führe "das zu einer Katastrophe".
Heute kämpfe Russland mit konventionellen Waffen und die ukrainische Armee, die viel kleiner und viel schlechter ausgerüstet sei, sei im Stande, ihr die Stirn zu bieten. Duda: "Das zeigt, dass man den russischen Imperialismus stoppen kann."
Der polnische Präsident sprach sich für die vollständige Wiederherstellung der ukrainischen Souveränität inklusive der Krim aus: "Man sollte die international anerkannten ukrainischen Grenzen wiederherstellen." Das Beste wäre aus seiner Sicht, wenn die ukrainischen Verteidiger so viel Unterstützung erhielten, dass sie die Russen aus ihren Gebieten vollständig vertreiben könnten. Duda fügte hinzu: "Aus dem gesamten Gebiet des ukrainischen Staates, der international anerkannt ist. Alle wissen, wie das international anerkannte Gebiet des ukrainischen Staates aussieht."
Schnelle EU-Beitrittskandidatur der Ukraine
Andrzej Duda setzt sich auch dafür ein, der Ukraine schnell den Status als EU-Beitrittskandidat zu gewähren. "Das ist eine politische Entscheidung von einer enormen psychologischen Bedeutung für die Ukraine". Das polnische Staatsoberhaupt verwies darauf, dass es jetzt nur um einen Kandidaten-Status gehe: "Von diesem Status bis zur Mitgliedschaft ist es ein langer Weg."
Der Kandidaten-Status habe einen politisch-symbolischen Charakter, mit ihm verbänden sich für die Ukraine keine direkten Vorteile und für die EU-Staaten keine weiteren Belastungen. Man signalisiere der Ukraine damit: "Ja, ihr seid Mitglied der großen europäischem Gemeinschaft, ja, wir sind offen euch gegenüber, ihr werdet Teil der EU werden." Mit einer Ablehnung des Kandidatenstatus sage man den Ukrainern: "Ihr seid nicht Teil unserer Gemeinschaft, ihr seid Teil eines fernen Ostens, kommt uns nicht näher, wir verurteilen euch zur russischen Einflusszone", sagte Duda der "Bild".
Die Ukrainer aber wollten zu diesem gemeinschaftlichen Europa gehören, das offen und demokratisch ist. Und da die EU beim Wiederaufbau ohnehin helfen müsse, "sollten wir der Ukraine den Kandidaten-Status geben", sagte Duda.
Des Weiteren sprach sich der polnische Präsident erneut für eine konsequente Sanktionspolitik gegen Russland aus, auch wenn darunter die Polen in Form von Inflation und hohen Energiepreisen zu leiden hätten: "Das betrifft uns sogar mehr als die deutsche Bevölkerung, weil wir in Relation ärmer sind", so Duda.
Teilen der deutschen Wirtschaft warf er hingegen vor, dass ihre Geschäfte mit Russland wichtiger seien als das Schicksal der Ukraine und Polens. "Wir hören, dass ein Großteil der deutschen Wirtschaft, die ja sehr stark ist, weiter Geschäfte machen will", sagte das polnische Staatsoberhaupt.



