Die von Washington favorisierte "Spitzenkandidatin" für die Nachfolge des scheidenden NATO-Generalsekretärs Jens Stoltenberg ist Chrystia Freeland, derzeit Kanadas Finanzministerin und stellvertretende Premierministerin, berichtete die "New York Times".

Berichten zufolge will das Militärbündnis zum ersten Mal eine Frau an seine Spitze setzen. Weitere wahrscheinliche Anwärter sind die estnische Ministerpräsidentin Kaja Kallas, die slowakische Präsidentin Zuzana Caputova und Kolinda Grabar-Kitarovic, die ehemalige Präsidentin Kroatiens, die auch Botschafterin dieses Landes in Washington war. Die von der NYT vorgelegte Liste "starker Kandidaten" entspricht früheren Medienberichten in diesem Jahr.

Die Auswahl eines neuen NATO-Generalsekretärs ist jedoch noch Monate entfernt, und "die Namen, die zuerst auftauchen", könnten die Verhandlungen unter den Mitgliedern der NATO nicht überleben, so ungenannte NATO-Beamte gegenüber der "NYT".

Der amtierende Chef, Stoltenberg, sollte seinen Posten eigentlich am 30. September räumen, doch seine Amtszeit wurde angesichts des Ukraine-Konflikts bis Ende 2023 verlängert. Es könnte sein, dass die Amtszeit des NATO-Chefs um ein weiteres Jahr verlängert wird, wie einer der Beamten sagte.

Dennoch gilt Freeland als "Hauptkandidatin" für den Posten des NATO-Chefs, die von den USA selbst favorisiert wird. "Die Frage, wie jeder der Kandidaten zur Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland steht, wird ein entscheidender Faktor sein", schreibt die Zeitung.

Freeland, deren Mutter Ukrainerin ist, ist dafür bekannt, dass sie eine starke pro-ukrainische Haltung vertritt. Sie ist die Enkelin von Michael Chomiak, den die "NYT" als "dankbaren Einwanderer in Kanada" beschreibt, der während des Zweiten Weltkriegs als "jüngerer Mann in eine ukrainische nationalistische Bewegung involviert war, die die Nazis als nützliche Gegenspieler der Sowjets ansah".

Die Zeitung erwähnte jedoch nicht, dass Chomiak ein prominenter ukrainischer Nazi-Kollaborateur und Chefredakteur der ukrainischsprachigen Propaganda-Tageszeitung Krakivs'ki Visti war. Das Blatt, das zwischen 1940 und 1945 erschien, wurde direkt von Nazi-Deutschland finanziert und von dem kanadischen Historiker - und Schwiegersohn von Chomiak - John-Paul Himka als "vehement antisemitisch" beschrieben.

Freeland hat sich in Bezug auf ihre Abstammung äußerst zweideutig geäußert und sich nicht nur geweigert, ihre Großeltern mütterlicherseits zu verurteilen, sondern sie stattdessen eher befürwortet. Im Jahr 2015 schrieb sie einen Essay mit dem Titel "Meine Ukraine", in dem sie erklärte, dass ihre Großeltern, die mit den Nazis kollaboriert hatten, "sich selbst als politische Exilanten mit der Verantwortung sahen, die Idee einer unabhängigen Ukraine am Leben zu erhalten."

"Dieser Traum lebte in der nächsten Generation weiter, und in einigen Fällen auch in der übernächsten", schrieb Freeland in ihrem Essay.