Die Furcht vor einem ausgewachsenen Krieg und einer möglichen Unterbrechung der Ölversorgung aus dem Nahen Osten treibt die Preise bereits ein wenig in die Höhe. Anders als bei früheren Krisen in der Region blieben die Ölpreise nach dem Hamas-Angriff auf Israel im Oktober 2023 zunächst relativ stabil. Der Grund dafür liegt in den beträchtlichen Reservekapazitäten der OPEC, die auf etwa 5 Millionen Barrel pro Tag geschätzt werden.

Experten gehen davon aus, dass die OPEC, insbesondere Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, über ausreichend Spielraum verfügen, um potenzielle Ausfälle iranischer Lieferungen auszugleichen.

Doch nun zeichnet sich eine neue Dynamik ab. Berichte deuten darauf hin, dass Israel erwägt, Irans Energie- und Ölinfrastruktur ins Visier zu nehmen. Ein solcher Schritt könnte dramatische Folgen haben. Im schlimmsten Fall, so Analysten, könnte dies zu einem Ausfall von bis zu 3,5 Millionen Barrel pro Tag führen - eine Menge, die die OPEC theoretisch kompensieren könnte.

Die wahre Gefahr lauert jedoch in der Eskalationsspirale. Sollte der Konflikt auf iranische Stellvertreter übergreifen, welche die Ölinfrastrukturen in den Nachbarländern angreifen, oder sollte der Iran die Straße von Hormus blockieren, könnten die Ölpreise in ungeahnte Höhen schnellen. Die Schließung dieser kritischen Meerenge, durch die täglich etwa 20 Millionen Barrel Öl transportiert werden, gilt als Worst-Case-Szenario. Interessanterweise sehen die meisten Experten eine vollständige Blockade der Straße von Hormus als unwahrscheinlich an. Dennoch bereitet sich der Markt auf Störungen vor.

Die Beratungsfirma FGE geht davon aus, dass bei Unterbrechungen der iranischen Öllieferungen der Brent-Ölpreis über 80 Dollar pro Barrel steigen könnte. Ohne konkrete Störungen könnte er jedoch schnell wieder auf 70 Dollar zurückfallen. Doch im schlimmsten Fall könnte dieser auch auf 150 Dollar in die Höhe schießen und damit global für Rezessionen sorgen.

Die Citigroup warnt vor einem möglichen israelischen Angriff auf Irans wichtigste Ölexportanlage auf der Insel Kharg, von wo aus 90 Prozent der iranischen Exporte abgewickelt werden. Ein solches Szenario, obwohl als unwahrscheinlich eingestuft, könnte den Iran dazu veranlassen, den Verkehr in der Straße von Hormus zu stören - ein Wendepunkt für den globalen Ölmarkt und die Weltwirtschaft.

Die USA, einst der große Stabilisator am Ölmarkt, können diesmal nicht als Retter in der Not auftreten. Ihre strategischen Ölreserven sind auf einem historischen Tiefstand, ein Erbe der Biden-Administration, die im Vorjahr massiv Öl freigab, um die Inflation zu bekämpfen. Eine Ironie des Schicksals, die die Verwundbarkeit der westlichen Welt offenbart.