Es gibt Geschichten, die sind so vorhersehbar wie das Amen in der Kirche. Eine davon ist die Geschichte von Julia Ruhs, einer jungen Journalistin, die es wagte, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine konservative Position zu vertreten. Nach nur drei Folgen ihrer Sendung "Klar" hat der NDR nun entschieden, dass Frau Ruhs nicht mehr "klar" genug ist für den Norddeutschen Rundfunk.
Der Bayerische Rundfunk hingegen behält sie. Offenbar ist die Luft in Bayern weniger dünn für abweichende Meinungen als im hohen Norden. Oder wie Ruhs selbst es formuliert: "Für den NDR bin ich zu rechts. Für den Bayerischen Rundfunk nicht, die stehen hinter mir."
Die Sünden der Julia Ruhs
Was hat Frau Ruhs verbrochen? Sie hat in ihrer Sendung "Klar" über Migration berichtet und dabei - man höre und staune - auch über negative Aspekte gesprochen. Sie hat einen Vater zu Wort kommen lassen, dessen Tochter von einem psychisch kranken Asylbewerber getötet wurde. Sie hat Fragen gestellt, die man im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sonst lieber unter den Teppich kehrt.
ZDF-Moderator Jan Böhmermann, der selbst nie durch ausgewogene Berichterstattung aufgefallen ist, nannte die Sendung prompt "rechtspopulistischen Quatsch". Und 250 NDR-Mitarbeiter unterzeichneten einen Brief, in dem sie sich von dem Format distanzierten. Die Sendung verletze "eine Reihe von Grundsätzen unserer journalistischen Arbeit", hieß es darin.
Welche Grundsätze das genau sind, bleibt im Dunkeln. Vielleicht der Grundsatz, dass man über Migration nur positiv berichten darf? Oder der Grundsatz, dass konservative Positionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nichts zu suchen haben?
Die Gebührenzahler wollen es
Besonders pikant: Laut einer repräsentativen Befragung des NDR gaben 63 Prozent der Zuschauer der Sendung "Klar" die Schulnoten 1 oder 2. Das Format kam also beim Publikum gut an. Aber was interessiert schon die Meinung der Gebührenzahler, wenn die eigene Blase bedroht ist?
"Wir haben das geschafft, wovon die Sender immer träumen – eine verlorene Zielgruppe zurückzugewinnen", sagt Ruhs. Doch genau das scheint das Problem zu sein. Eine Zielgruppe, die nicht ins links-grüne Weltbild passt, will man offenbar gar nicht zurückgewinnen.
Die Politik reagiert
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) nannte die Entscheidung des NDR ein "extrem schlechtes Signal" und boykottierte aus Protest eine NDR-Veranstaltung zum Intendantenwechsel. Stattdessen besuchte er eine Buchvorstellung von Ruhs' neuem Werk "Links-grüne Meinungsmacht – Die Spaltung unseres Landes". Der Titel könnte kaum passender sein.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder schrieb auf X: "Das ist kein gutes Signal für die Meinungsfreiheit, Pluralität und Toleranz im öffentlich-rechtlichen NDR." Konservative Stimmen gehörten zum demokratischen Meinungsspektrum, "auch wenn das einigen Linken nicht gefällt".
Von wegen "Cancel Culture"
Die taz, bekannt für ihre ausgewogene Berichterstattung, titelt derweil: "Von wegen 'Cancel-Culture'". Es sei keine linke Agenda, sondern "Qualitätssicherung". Ach so! Wenn eine der wenigen konservativen Stimmen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verstummen muss, ist das also keine "Cancel Culture", sondern "Qualitätssicherung". Wenn hingegen ein linker Aktivist kritisiert wird, ist das natürlich sofort ein Angriff auf die Demokratie.
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) betont, dass Ruhs ja nicht aus dem ÖRR "rausgeschmissen" werde, sondern weiterhin "Klar" moderieren dürfe – fortan eben beim BR. Als ob es ein Trost wäre, dass man nur halb gecancelt wird.
Die Nachfolgerin
Besonders interessant ist die Wahl der Nachfolgerin: Tanit Koch wird künftig die vom NDR verantworteten Folgen von "Klar" moderieren. Koch war zwei Jahre lang Chefredakteurin der Bild und leitete später die Wahlkampfkommunikation von Armin Laschet. Genau wie Ruhs schreibt sie auch für den Focus.
Offenbar sucht man verzweifelt nach einer konservativen Stimme, die weniger "klar" ist als Julia Ruhs. Eine, die die richtigen konservativen Positionen vertritt, ohne dabei zu unbequem zu werden.
Die Doppelmoral des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
Der Fall Ruhs zeigt einmal mehr die Doppelmoral des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Man fordert Vielfalt, Toleranz und Pluralismus – aber nur, solange diese Vielfalt in die eigene Weltanschauung passt. Man will alle Meinungen zu Wort kommen lassen – aber manche eben lieber nicht.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer warnte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor einem Akzeptanzverlust. Weite Teile der Bevölkerung hätten den Eindruck, dass der ÖRR einseitig berichte. "Und das ist ein Problem, weil die Öffentlich-Rechtlichen von großer Akzeptanz leben."
Doch statt dieses Problem anzugehen, verstärkt man es noch, indem man eine der wenigen konservativen Stimmen zum Schweigen bringt. Der NDR hat mit seiner Entscheidung nicht nur Julia Ruhs einen Bärendienst erwiesen, sondern auch sich selbst.
In einer Zeit, in der der öffentlich-rechtliche Rundfunk ohnehin unter Druck steht, ist es ein fatales Signal, eine Moderatorin zu entlassen, deren Sendung beim Publikum gut ankommt, nur weil sie nicht ins eigene Weltbild passt.
Aber vielleicht ist genau das die "Klarheit", die der NDR meint: Klar links, klar grün, klar alternativlos. Alles andere ist eben nicht "klar" genug.



