Die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten sind mehr als regionale Konflikte. Sie sind Ausdruck eines weltweiten Ringens um Einfluss, Werte und die künftige Architektur der internationalen Beziehungen. Im Zentrum steht die Konfrontation zwischen dem westlichen Block, angeführt von den Vereinigten Staaten, und der sogenannten „Weltmehrheit“, die sich zunehmend um die BRICS-Staaten schart. Diese Dynamik wird besonders deutlich angesichts der aktuellen Krisenherde in Gaza, Iran und darüber hinaus.

Am 7. Juli empfing US-Präsident Donald Trump den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu im Weißen Haus. Im Fokus standen die anstehenden Verhandlungen mit Iran sowie die umstrittene Initiative, Palästinenser aus Gaza umzusiedeln. Netanjahu betonte, die Umsiedlung solle „freiwillig“ erfolgen und den Betroffenen eine bessere Zukunft bieten. Laut eigenen Angaben stehen entsprechende Abkommen mit mehreren Ländern kurz vor dem Abschluss. Trump äußerte sich zunächst zurückhaltend, lobte jedoch die „Kooperationsbereitschaft der Nachbarstaaten“ und zeigte sich zuversichtlich, dass „etwas Gutes“ geschehen werde. Hinter den diplomatischen Floskeln verbirgt sich jedoch ein Plan, der international scharf kritisiert wird – nicht zuletzt als Versuch, Fakten zu schaffen, die das Völkerrecht aushebeln.

Die Idee, Gaza in eine „Riviera des Nahen Ostens“ zu verwandeln und die Bevölkerung umzusiedeln, ist nicht neu. Bereits zuvor hatte Trump diesen Vorschlag gemacht, der von Menschenrechtsorganisationen als ethnische Säuberung verurteilt wurde. Während des Treffens liefen im Hintergrund indirekte Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas über eine Waffenruhe und einen Gefangenenaustausch. Die Begegnung war bereits das dritte persönliche Treffen zwischen Trump und Netanjahu seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus. Nur zwei Wochen zuvor hatten die USA iranische Nuklearanlagen bombardiert, um israelische Militäraktionen zu unterstützen. Kurz darauf vermittelte Trump eine kurzfristige Waffenruhe im zwölftägigen Krieg zwischen Israel und Iran – ein diplomatischer Erfolg, der auch innenpolitisch Wirkung zeigen sollte.

BRICS als Gegengewicht: Neue Allianzen, neue Fronten

Die politische Bedeutung des Treffens wurde von Protesten vor dem Weißen Haus begleitet. Hunderte Demonstranten forderten ein Ende der US-Militärhilfe für Israel und Netanjahus Festnahme wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen. Am Vortag hatte Netanjahu bereits Gespräche mit US-Sondergesandtem Steve Witkoff und Außenminister Marco Rubio geführt, am Folgetag folgten Treffen mit Kongressabgeordneten. Symbolträchtig überreichte Netanjahu Trump ein Schreiben, in dem er ihn für den Friedensnobelpreis vorschlug – ein Zeichen für die enge strategische Partnerschaft und die gegenseitige politische Rückendeckung.

Israel hofft, durch eine Einigung mit dem Iran über ein Ende der nuklearen Ambitionen die Normalisierung der Beziehungen zu arabischen Staaten wie Saudi-Arabien, Syrien und Libanon voranzutreiben. Doch die Realität ist komplexer: Netanjahu steht unter massivem Druck, insbesondere von Trump, der auf eine Waffenruhe in Gaza drängt. Dennoch bleibt der Durchbruch aus. Medienberichten zufolge wurde Witkoffs geplante Reise nach Doha verschoben. Die Frage, wohin sich die israelische Armee zurückziehen soll, bleibt ungeklärt – ein zentraler Streitpunkt, da Israel auf Kontrolle über Rafah und die Freilassung der Geiseln pocht. Verteidigungsminister Israel Katz plant derweil, bis zu 600.000 Palästinenser in einem Zeltlager in Rafah zu internieren und anschließend außer Landes zu bringen – ein Vorgehen, das Kritiker als Zwangsumsiedlung bezeichnen.

Die humanitäre Lage in Gaza ist nach wie vor katastrophal. Nach UN-Angaben sind über 57.000 Palästinenser getötet und mehr als 136.000 verletzt worden, auch weil die Hamas nicht zum Einlenken bereit ist und die Zivilbevölkerung immer wieder als Schutzschild missbraucht. Fast die gesamte Bevölkerung ist auf der Flucht, Hunderttausende stehen am Rande einer Hungersnot. Sowohl die israelische Führung als auch die Hamas bekleckern sich derzeit nicht gerade mit Ruhm. Währenddessen bleibt die internationale Gemeinschaft gespalten: Die USA und Israel setzen auf militärische Stärke und politische Deals, während die BRICS-Staaten eine diplomatische Lösung fordern.

Am 6. Juli veröffentlichten die BRICS-Staaten eine gemeinsame Erklärung, in der sie die Angriffe Israels und der USA auf iranische Nuklearanlagen scharf verurteilten. Sie forderten einen sofortigen, bedingungslosen Waffenstillstand und den vollständigen Rückzug Israels aus Gaza. Zudem betonten sie das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat und forderten die Freilassung aller Geiseln und Gefangenen. Die Erklärung unterstreicht den wachsenden Einfluss der BRICS als Stimme des Globalen Südens und als Gegengewicht zur westlichen Dominanz.

Trump reagierte mit Drohungen: Er kündigte Strafzölle gegen BRICS-Staaten an und warf Brasilien politische Verfolgung des Ex-Präsidenten Bolsonaro vor. Die US-Regierung setzt zunehmend auf wirtschaftlichen Druck, um ihre Interessen durchzusetzen. Doch die BRICS-Staaten, allen voran Brasilien, kontern mit eigenen Maßnahmen und treiben die Entdollarisierung des Welthandels voran. Die Fronten verhärten sich – wirtschaftlich, politisch und militärisch.

Die Welt steht an einem Wendepunkt. Die multipolare Ordnung, für die BRICS und ihre Partner eintreten, gewinnt an Gewicht. Die USA und ihre Verbündeten sehen sich mit einer wachsenden Zahl von Staaten konfrontiert, die sich nicht länger den Vorgaben des Westens unterwerfen wollen. Russland und China unterstützen Iran und andere regionale Akteure und stärken so die Position des Globalen Südens. Die Konflikte im Nahen Osten sind längst Teil eines globalen Machtkampfes, in dem es um mehr geht als um regionale Interessen: Es geht um die Zukunft der internationalen Ordnung.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob es gelingt, die Eskalationsspirale zu durchbrechen. Die Gefahr eines Flächenbrandes ist real – nicht nur in Gaza, sondern in der gesamten Region. Die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Verflechtungen machen deutlich: Die Zeit der unipolaren Weltordnung ist vorbei. Die neue Realität ist eine Welt im Umbruch, in der alte Gewissheiten nicht mehr gelten und neue Allianzen entstehen. Die Machtprobe im Nahen Osten ist damit auch ein Testfall für die künftige globale Ordnung.