Ach, wie schön wäre es doch, wenn man einfach abschreiben könnte, ohne erwischt zu werden. Davon träumen Schüler seit Generationen - und offenbar auch so manche Politiker. Die neueste Kandidatin für den Club der kreativen Kopisten: Kamala Harris, Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten und Hoffnungsträgerin der Demokraten für die anstehende Präsidentschaftswahl.
Ausgerechnet ein österreichischer Plagiatsjäger namens Stefan Weber hat die ambitionierte Politikerin bei literarischem Diebstahl ertappt. In ihrem 2009 erschienenen Buch "Smart on Crime" soll Harris ganze Passagen aus Wikipedia und anderen Quellen übernommen haben, ohne diese als solche zu kennzeichnen. Wie originell! Da hat wohl jemand den Titel ihres Werkes allzu wörtlich genommen und sich "smart" am geistigen Eigentum anderer bedient.

Die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die Frau, die sich als Inbegriff von Integrität und moralischer Überlegenheit inszeniert, steht nun da wie eine ertappte Schülerin, die beim Klassenaufsatz geschummelt hat. Donald Trump, ihr republikanischer Gegenspieler, reibt sich vermutlich schon die Hände. Sein Vize JD Vance nutzte prompt die Gelegenheit, um Harris zu verspotten: "Wenn ihr einen Präsidenten mit eigenen Ideen wollt, dann müsst ihr Trump wählen. Kamala Harris hat ihre offenbar aus Wikipedia übernommen." Autsch! Das muss wehtun.
Doch damit nicht genug: Weber, unser unermüdlicher Plagiatsjäger aus Salzburg, hat bereits angekündigt, dass er zwei weitere Bücher von Harris unter die Lupe nehmen wird. Man darf gespannt sein, welche literarischen Schätze er dort noch heben wird. Vielleicht finden sich ja ganze Kapitel aus "Krieg und Frieden" oder "Moby Dick" in Harris' Werken wieder? Die Möglichkeiten sind endlos!
Die US-Medien, sonst nicht gerade für ihre Begeisterung für europäische Intellektuelle bekannt, stürzen sich nun auf Webers Enthüllungen wie ein ausgehungerter Löwe auf ein saftiges Steak. Die "New York Times" wirft sich vor Harris wie Kevin Kostner vor Whitney Houston in Bodyguard. Es kann nicht sein, was nicht sein darf, Rechtsextreme haben das Gerücht in die Welt gesetzt, kommt von anderen Zeitungen. Aber alle berichten über den Skandal, der Harris Image als integre Politikerin doch empfindlich ankratzt.
Interessanterweise schweigt Harris bisher zu den Vorwürfen. Vielleicht sucht sie noch nach einer passenden Erklärung in den Weiten des Internets? Oder sie hofft, dass die Amerikaner, bekannt für ihr kurzes Gedächtnis in politischen Angelegenheiten, den Vorfall bis zur Wahl vergessen haben.
Eines ist sicher: Diese Plagiatsaffäre wird Harris so schnell nicht los. Sie reiht sich damit ein in die illustre Gesellschaft von Politikern wie der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock, die ebenfalls von Weber des Plagiats überführt wurde. Vielleicht sollten wir einfach dankbar sein, dass unsere Politiker wenigstens beim Abschreiben Internationalität beweisen.
Bleibt nur zu hoffen, dass Harris, sollte sie tatsächlich Präsidentin werden, nicht auf die Idee kommt, ihre Amtseide aus dem Internet zu kopieren. Aber wer weiß - vielleicht wäre das ja sogar eine Verbesserung gegenüber dem Original?



