Ein völliger Stopp der russischen Gaslieferungen an die EU könnte das BIP der am stärksten gefährdeten Mitgliedsstaaten um bis zu 6 % senken und sie in eine Rezession stürzen, so der Internationale Währungsfonds in einem Blogpost am Dienstag. Die Warnung kommt inmitten von Befürchtungen, dass die russischen Gaslieferungen nach Europa über die Nord Stream 1-Pipeline nach dem Ende der jährlichen Routinewartung am Donnerstag nicht wieder aufgenommen werden könnten.

Das "Wall Street Journal" berichtete Anfang dieser Woche unter Berufung auf den europäischen Haushaltskommissar Johannes Hahn, dass die Europäische Kommission nicht mit einer Wiederaufnahme der Pipeline rechne. Am Dienstag sagte ein Sprecher der Kommission,  sie plane für alle Szenarien bezüglich der russischen Gasflüsse nach Europa durch die Nord Stream 1-Pipeline. Reuters zufolge werden die Gasflüsse wie geplant wieder aufgenommen, "aber mit einer geringeren als der vollen Kapazität".

Der IWF stellte fest, Europa fehle es an einem umfassenden Plan zur Bewältigung der Gasknappheit, was zu Energiepreissteigerungen und einem langsameren Wachstum führen könnte.

Ungarn, die Slowakei und die Tschechische Republik, würden im Falle einer vollständigen Abschaltung wahrscheinlich am meisten leiden, so der IWF. "Die Auswirkungen auf Österreich und Deutschland wären weniger schwerwiegend, aber immer noch signifikant, abhängig von der Verfügbarkeit alternativer Quellen und der Fähigkeit, den Gasverbrauch der Haushalte zu senken", so der Fonds.

Der IWF fügte hinzu: im Falle einer vollständigen Abschaltung könnte die gesamte EU im nächsten Jahr einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um fast 3 % erleiden und einige Länder wie Schweden, Dänemark und Griechenland hätten wahrscheinlich nur geringe oder gar keine Auswirkungen auf das Wachstum, während Italien aufgrund seiner hohen Abhängigkeit von Gas bei der Stromerzeugung einen Rückgang von über 5 % verzeichnen müsste.

Der Fonds warnt davor, dass in Mittel- und Osteuropa bis zu 40 % des Gasverbrauchs ausfallen und das BIP um bis zu 6 % schrumpfen könnte. Der IWF schlägt vor, dass diese Länder "alternative Lieferungen und Energiequellen" sichern, Energieeinsparungen fördern und Solidaritätsvereinbarungen zur gemeinsamen Nutzung von Gas in verschiedenen Ländern ausweiten sollten.

"Die Aussicht auf eine noch nie dagewesene vollständige Abschaltung schürt die Besorgnis über Gasmangel, noch höhere Preise und wirtschaftliche Auswirkungen. Obwohl die politischen Entscheidungsträger schnell handeln, fehlt ihnen ein Plan, um die Auswirkungen zu bewältigen und zu minimieren", so der IWF weiter.

Der IWF stellt fest, die europäische Energieinfrastruktur und die globale Versorgung habe bisher einen Rückgang der russischen Gaslieferungen um 60 % seit Juni letzten Jahres verkraftet und könnte durch den Zugang zu alternativen Lieferungen und Energiequellen einen Rückgang um bis zu 70 % bewältigen.

Eine vollständige Abschaltung würde aber die Diversifizierung erheblich erschweren, so der IWF, da Engpässe die Möglichkeit einschränken könnten, Gas innerhalb Europas aufgrund unzureichender Importkapazitäten oder Übertragungsbeschränkungen umzuleiten.