Die Antwort liegt, zumindest teilweise, jenseits der britischen Grenzen. Erstmals in der Geschichte der Datenerhebung wurden mehr Menschen mit HIV diagnostiziert, die sich im Ausland infiziert haben, als in Großbritannien selbst. Diese Verschiebung wirft ein Schlaglicht auf die komplexe Verflechtung von Migration und Gesundheitspolitik.

Insgesamt wurden im Jahr 2023 über 6.000 HIV-Diagnosen registriert. Davon entfielen 53 Prozent - das entspricht 3.198 Fällen - auf Personen, die bereits im Ausland diagnostiziert worden waren. Der Löwenanteil dieser Fälle stammt aus Afrika, wobei Ostafrika mit 50 Prozent die Statistik anführt.

Die UK Health Security Agency (UKHSA) mahnt jedoch zur Vorsicht bei der Interpretation dieser Zahlen. Sie betont, dass die Zunahme der Diagnosen auch auf verstärkte Testaktivitäten zurückzuführen sein könnte. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass die Testrate noch immer unter dem Vor-Pandemie-Niveau liegt.

Diese Entwicklung stellt das ehrgeizige Ziel Großbritanniens, bis 2030 neue HIV-Fälle zu verhindern, auf eine harte Probe. Richard Angell, Geschäftsführer der Terrence Higgins Trust, einer renommierten Organisation für sexuelle Gesundheit, warnt: "Das Ziel, neue Fälle bis 2030 zu beenden, ist in Gefahr."

Die Daten offenbaren zudem eine besorgniserregende Ungleichheit: Ethnische Minderheiten tragen eine zunehmend größere Last der HIV-Infektionen. Sie weisen nicht nur steigende Diagnosezahlen auf, sondern auch schlechtere gesundheitliche Outcomes als die Gesamtbevölkerung.

Dr. Tamara Djuretic von der UKHSA unterstreicht die Dringlichkeit des Handelns: "Es ist klar, dass mehr Maßnahmen erforderlich sind, um neue HIV-Übertragungen einzudämmen, insbesondere unter Heterosexuellen und ethnischen Minderheiten." Sie plädiert für eine Intensivierung der Tests, einen verbesserten Zugang zu Präexpositionsprophylaxe (PrEP) und eine frühzeitigere HIV-Behandlung.

Andrew Gwynne, Minister für öffentliche Gesundheit, räumt ein, dass noch viel Arbeit bevorsteht. Er verspricht, ressortübergreifend an der Umsetzung des neuen HIV-Aktionsplans zu arbeiten, um das ambitionierte Ziel für 2030 doch noch zu erreichen.

Die aktuellen Zahlen sind ein Weckruf für die britische Gesundheitspolitik. Sie verdeutlichen, dass HIV-Prävention und -Behandlung nicht an Landesgrenzen Halt machen dürfen. Vielmehr bedarf es eines ganzheitlichen Ansatzes, der sowohl nationale als auch internationale Faktoren berücksichtigt. Nur so kann das Ziel, HIV-Neuinfektionen bis 2030 zu stoppen, realistisch bleiben.