Deutschland wird zur Kohle als alternativem Energieträger zurückkehren, nachdem der russische Staatskonzern Gazprom die Erdgaslieferungen an das Land über die Nord-Stream-Pipeline mit der Begründung reduziert hat, es seien Reparaturarbeiten erforderlich. Für Bundeskanzler Olaf Scholz bedeutet dieser Schritt eine Kehrtwende. Seine Regierungskoalition hatte versprochen, bis 2030 aus der Kohlenutzung auszusteigen und die erneuerbaren Energien für die künftige Stromerzeugung auszubauen.
"Es ist eine bittere Pille, aber eine unverzichtbare, um den Gasverbrauch zu reduzieren", sagte Robert Habeck, Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, am Sonntag in einer Erklärung. Um den Gasverbrauch zu senken, muss weniger Gas zur Stromerzeugung eingesetzt werden. Stattdessen müssen verstärkt Kohlekraftwerke eingesetzt werden", fügte der Grünen-Politiker Habeck hinzu. Die Grünen setzen sich seit langem für die Schließung von Kohle- und Atomkraftwerken ein und haben sich schon vor dem Krieg aktiv gegen die Erhöhung der russischen Gaslieferungen gewehrt.
Klaus Müller, der Chef der Bundesnetzagentur, warnt davor, dass die steigenden Gaspreise zu großen Pleiten und Preiserhöhungen führen werden, die "Schockwellen durch das ganze Land schicken werden". Seine Behörde ist die deutsche Regulierungsbehörde für Strom, Gas, Telekommunikation, Post und Bahn, die dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz angegliedert ist.
Deutschland, das seit langem von russischem Gas abhängig ist, hat Anreize für Unternehmen und Bürger geschaffen, ihren Gasverbrauch zu senken, und die Bundesregierung hat die Notwendigkeit, überschüssigen Brennstoff in die Energiereserven des Landes umzuleiten, als "oberste Priorität" bezeichnet. Wobei sich allerdings auch die Frage stellt, ob Abhängigkeiten in der Energieversorgung von anderen Ländern eine bessere Lösung darstellen.
Habeck warf dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eine Strategie vor, die Europa "verunsichern" solle, "indem sie den Preis [für Energie] in die Höhe treibt und uns spaltet. Das werden wir nicht zulassen", so der Bundesminister weiter.
Der Wirtschaftsminister teilte mit, dass die Speicherkapazitäten des Landes derzeit zu 56,7 Prozent ausgelastet seien, und versicherte, dass das Land immer noch in der Lage sei, das Defizit aus Russland durch den Kauf von Erdgas aus anderen Ländern auszugleichen, wobei jedoch die Kapazitäten auf dem Weltmarkt äußerst eingeschränkt sind und sehr teuer werden. Er warnte jedoch, dass eine längerfristige Lösung erforderlich sei, um die Energiesicherheit in Deutschland zu gewährleisten.
Der anhaltende Konflikt in der Ukraine hat eine weltweite Energiekrise ausgelöst, in deren Verlauf die Preise für alle Energielieferungen in die Höhe geschnellt sind, was dazu geführt hat, dass eine Reihe von europäischen Ländern entweder mehr Kohle und andere umweltschädliche Energieformen kaufen oder selbst Kohlekraftwerke wieder in Betrieb nehmen.



