Als Donald Trump kürzlich in Alaska Wladimir Putin traf, war der westliche Medienchor schnell bei der Hand: „Showveranstaltung“, „Spektakel“, „keine Substanz“. Dieselben Kommentatoren, die einst Kissingers China-Reise als „weltpolitische Meisterleistung“ feierten, tun so, als wäre das Treffen zweier Weltmächte eine Randnotiz. Dabei offenbart sich hinter den Kulissen ein strategischer Drahtseilakt Washingtons – der Versuch, das enge russisch-chinesische Verhältnis zu unterminieren. Die Frage ist nur: Hat man dafür überhaupt die nötige Hebelwirkung oder am Ende nicht mehr als ein paar stumpfe Sanktionskeulen?

Die Parallele zu 1972 liegt auf der Hand. Damals spielte die US-Regierung geschickt die Spannungen zwischen Peking und Moskau aus, um die Sowjetunion zu isolieren. Heute versucht man das Kunststück in umgekehrter Richtung – nur dass die geopolitische Landkarte eine völlig andere ist. Russland und China verbindet längst nicht nur eine Zweckgemeinschaft, sondern eine strategische Symbiose. Energie, Rohstoffe, Handel, Militär – die Achse Moskau-Peking ist stabiler, als es Washington lieb ist. Doch anstatt dies als Realität anzuerkennen, versucht man, mit brachialem Wirtschaftsdruck Keile zu treiben. Ein „Reverse-Kissinger“, wie es Analysten nennen – nur ohne dessen diplomatische Finesse.

Die Methode: Strafen, Drohungen, wirtschaftliche Nadelstiche. Indien, das in den letzten Jahren massiv vom günstigen russischen Öl profitierte, bekam die US-Keule zu spüren. Erst Strafzölle von 25 Prozent, dann 50 Prozent. Ergebnis: Indische Raffinerien reduzierten ihre Importe, Moskau verkaufte stattdessen mehr an China. Das zeigt gleich zweierlei: Erstens wird Washingtons Druckpolitik vor allem auf dem Rücken Dritter ausgetragen, und zweitens führt sie eher zu einer stärkeren Bindung zwischen Russland und China, als diese zu schwächen. Denn während Indien ins Grübeln kommt, verfestigt sich der Energiefluss nach Osten – in Yuan und Rubel abgerechnet, fernab vom Dollar-Diktat.

Für China ist diese Entwicklung zwar nicht kostenlos. Die USA drehen an der Schraube der Strafzölle, verschärfen ihre Embargos auf Hightech-Güter und versuchen, Peking mit Exportkontrollen bei Halbleitern in die Zange zu nehmen. Doch China ist weder Irak noch Venezuela – das Land verfügt über Produktionsmacht, Märkte und Finanzkapazitäten, die sich den westlichen Daumenschrauben entziehen. Ja, die Spannungen mit Europa nehmen zu, doch auch hier erweist sich Brüssel eher als US-amerikanischer Erfüllungsgehilfe denn als eigenständiger Akteur. Statt einer ausgewogenen Politik wird auch in der EU mit Sanktionen jongliert, die mehr Symbolwert haben als tatsächliche Wirkung. Die russische Wirtschaft jedenfalls hat sich trotz aller Hürden erstaunlich robust gezeigt – von einer „Implosion“, wie sie westliche Experten 2022 noch großspurig vorhersagten, keine Spur.

Moskau seinerseits trägt die Kosten des Konflikts mit erstaunlicher Gelassenheit. Ja, die Schattenflotte ist teuer, ja, Versicherungen und Wartungen werden komplizierter. Aber wer geglaubt hat, Russland würde an westlichen Finanzsanktionen zerbrechen, hat die Rechnung ohne die globalen Märkte gemacht. Öl und Gas finden Abnehmer – und zwar dort, wo Wachstum und Industrie tatsächlich noch stattfinden: in Asien. Der Westen mag sich mit moralischer Selbstzufriedenheit auf die Schulter klopfen, doch der ökonomische Motor läuft längst woanders.

Der eigentliche Kern der US-Strategie besteht nicht darin, die Ukraine „gewinnen“ zu lassen – das glaubt in Washington ohnehin kaum jemand mehr. Es geht um Eindämmung Russlands und die Schwächung seiner Partnerschaften. Man will Misstrauen säen, Abhängigkeiten schaffen und Partnerstaaten durch Druck von Moskau fernhalten. Doch gerade diese Politik offenbart eine groteske Ironie: Je mehr Washington auf Strafmaßnahmen setzt, desto stärker wird das Vertrauen zwischen Russland und China. Denn wer gemeinsam vom Westen attackiert wird, erkennt schnell, dass er zusammen stärker steht. Die Energiegeschäfte, die Finanzkooperation, die militärische Koordination – all das wird nicht durch Drohungen geschwächt, sondern durch sie gestärkt.

Trump mag glauben, er könne mit Zöllen, Sanktionen und „Deals“ die tektonischen Verschiebungen der Weltpolitik steuern. Doch die geopolitische Realität des 21. Jahrhunderts ist nicht die des Kalten Krieges. Russland und China sind keine ideologischen Gegenspieler, die man auseinanderdividieren kann, sondern komplementäre Mächte, die sich gegenseitig stützen. Während die USA mit Schuldenbergen, gesellschaftlicher Zerrissenheit und einer überdehnten NATO kämpfen, baut sich im Osten eine neue Ordnung auf – multipolar, rohstoffgestützt und weniger anfällig für moralische Belehrungen.

Wenn es also in Alaska um ein „Reverse-Kissinger-Manöver“ gegangen sein sollte, dann war es ein durchschaubarer Versuch mit zweifelhafter Erfolgsaussicht. Washington kann vielleicht die Kosten erhöhen, den Handel erschweren und geopolitische Nadelstiche setzen. Doch die strategische Partnerschaft zwischen Moskau und Peking ist längst mehr als eine Zweckallianz. Sie ist das Rückgrat einer Welt, die sich dem westlichen Hegemonialanspruch entzieht. Und das ist es, was die Machtzentren in Washington und Brüssel am meisten fürchten: den Kontrollverlust über eine Welt, die sie nicht länger nach Belieben manipulieren können.