Frankreich gibt sich im Sommer gerne als Hort der Gelassenheit, wo Pastis und Picknick wichtiger scheinen als Zahlenkolonnen aus dem Finanzministerium. Doch hinter der mediterranen Ruhe tickt eine Zeitbombe, deren Sprengkraft kaum zu überschätzen ist: ein Staatsapparat, der frisst, aber nicht liefert, und ein Schuldenturm, der längst über den Eiffelturm hinausragt. Die Politiker in Paris tun so, als ließe sich das Ganze mit kosmetischen Kürzungen kitten, doch die Realität ist unbarmherzig. Frankreich ist, nüchtern betrachtet, pleite – es weiß es nur noch nicht offiziell.

Während sich die EU-Eliten noch einreden, alles sei unter Kontrolle, klettern die Zahlen in schwindelerregende Höhen. Über 114 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sind inzwischen als öffentliche Schulden verbucht, und allein die Zinskosten verschlingen dieses Jahr 67 Milliarden Euro – Geld, das in Schulen, Krankenhäusern oder Straßen fließen könnte, aber stattdessen an die Banken gezahlt wird. Zum Vergleich: Vor wenigen Jahren lag man fast 20 Milliarden darunter. Wer glaubt, dass sich dieses Spiel unbegrenzt wiederholen lässt, sollte dringend weniger Bordeaux trinken und mehr Wirtschaftsberichte lesen.

Der große Witz dabei: Frankreich hält sich für das moralische Rückgrat Europas, für den letzten Hort der „sozialen Gerechtigkeit“. Doch genau dieses überbordende Umverteilungsmodell ist der Klotz am Bein, der das Land unaufhaltsam in die Tiefe zieht. Mit einer Staatsquote von 57 Prozent des BIP ist Paris Weltmeister im Umverteilen, Weltmeister im Durchfüttern und Weltmeister im Verdrängen unangenehmer Wahrheiten. Jeder ernsthafte Reformversuch endet traditionell in Straßenkämpfen, brennenden Barrikaden und Generalstreiks. Die Medien verklären das dann zu „Widerstandsgeist“ – in Wahrheit ist es die Weigerung, ökonomische Realität zur Kenntnis zu nehmen.

Premierminister François Bayrou versucht sich nun als Zauberlehrling, der mit ein paar Milliarden an Kürzungen die Flut aufhalten will. Ein Haushaltsdefizit von 5,4 Prozent mag auf dem Papier hübscher aussehen als 5,8, aber bei drei Billionen Euro Schulden wirkt es wie ein Pflaster auf einem offenen Bruch. Der Anleihemarkt hat den Bluff längst durchschaut und verlangt höhere Zinsen. Doch statt die Axt an das völlig überwucherte Dickicht des Sozialstaates zu legen, begnügt man sich mit Symbolpolitik: ein paar Feiertage streichen, Beamtenstellen einfrieren, Renten für ein Jahr auf Eis legen. Es wirkt eher wie ein schlechter Scherz als wie eine ernsthafte Strategie zur Sanierung.

Dass die Franzosen ausgerechnet den 8. Mai, den Tag des Sieges über Nazi-Deutschland, opfern sollen, ist dabei ein Schlag ins nationale Selbstverständnis. Man darf gespannt sein, wie viele Gewerkschaften und Veteranenverbände sich diesen Affront bieten lassen, bevor Paris wieder im Tränengas erstickt. Ein Referendum über den Haushalt, wie es Bayrou für 2026 andeutet, wäre der blanke Wahnsinn – die Mehrheit wird „Non“ rufen, und dann steht die Regierung endgültig mit dem Rücken zur Wand.

Ökonomisch ist die Situation ohnehin verheerend. Die Industrie ist im Sinkflug, der Einkaufsmanagerindex dümpelt unter der Rezessionsschwelle, und der Bausektor steckt tief im roten Bereich. Einzig der Tourismus rettet das Land vor noch düstereren Schlagzeilen – solange Amerikaner und Chinesen ihre Selfies am Eiffelturm knipsen, bleibt die Illusion von Stabilität erhalten. Doch ein Land kann nicht allein von Croissants, Louvre-Tickets und Strandurlaub leben. Frankreich deindustrialisiert in einem Tempo, das selbst in Berlin für Sorgenfalten sorgt.

Der Sommer liefert noch die nötige Kulisse des Schweigens. Die Medien beschäftigen sich lieber mit amerikanischem Schuldendrama oder Trump’schen Eskapaden, als den eigenen Scherbenhaufen zu beleuchten. Doch spätestens im Herbst könnte die Fassade bröckeln, wenn steigende Zinsen, sinkende Einnahmen und wachsende Unruhen zusammenkommen. Dann wird es ungemütlich – für Frankreich, für Europa und für den Euro. Denn wenn Paris wankt, dann wackelt die gesamte Brüsseler Schuldenarchitektur.

Die eigentliche Tragödie ist dabei, dass jede ernsthafte Reform die französische Gesellschaft zerreißen würde. Der Sozialstaat ist nicht nur ein Finanzposten, er ist Religion, Identität, beinahe Staatsraison. Wer an ihm sägt, riskiert Revolution. Deshalb spielt die Regierung weiter auf Zeit, hofft auf Wunder und setzt darauf, dass die Europäische Zentralbank schon wieder einschreiten wird. Doch irgendwann wird auch Frankfurt die Druckerpresse nicht mehr heißlaufen lassen können, ohne die Inflation endgültig aus dem Ruder zu jagen.

Frankreich ist das Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn ein Land jahrzehntelang über seine Verhältnisse lebt und glaubt, dass Schulden keine Konsequenzen haben. Noch genießen die Franzosen ihre Sommerabende an der Seine. Doch das Donnergrollen am Horizont kündigt an, dass der Herbst alles andere als golden wird. Es wird ein heißer Herbst – und er könnte nicht nur Paris, sondern ganz Europa ins Wanken bringen.