Die deutsche Energiewende steht vor einem Paradox: Trotz eines massiven Ausbaus der Kraftwerkskapazitäten, insbesondere im Bereich der erneuerbaren Energien, sinkt die Stromerzeugung in Deutschland. Dies geht aus einer aktuellen Analyse hervor, die die komplexen Herausforderungen der Energiewende beleuchtet.
Seit 2016 übersteigt der Anteil der installierten Leistung erneuerbarer Energien den der konventionellen Kraftwerke. 2023 war er sogar mehr als doppelt so groß. Dennoch machten die Erneuerbaren nur etwa 60 Prozent der Nettostromerzeugung aus. Der Grund dafür liegt in der Natur der Wind- und Solarenergie: Ihre Verfügbarkeit ist stark wetterabhängig und folgt ausgeprägten Tages- und Jahreszyklen.
Photovoltaikanlagen erreichen beispielsweise nur etwa 900 Volllaststunden pro Jahr, was einem Zehntel der theoretisch möglichen Zeit entspricht. Windkraftanlagen an Land kommen auf knapp 1.800 Volllaststunden, Offshore-Anlagen auf etwa 3.300 Stunden. Im Vergleich dazu laufen konventionelle Grundlastkraftwerke rund 90 Prozent der Zeit.
Diese Diskrepanz zwischen installierter Leistung und tatsächlicher Stromerzeugung führt zu einem steigenden Bedarf an Reservekapazitäten. Geplant sind Gaskraftwerke, die später auf Wasserstoffbetrieb umgestellt werden sollen. Allerdings würde der Betrieb eines einzigen 800-Megawatt-Gaskraftwerks mit Wasserstoff etwa 3.000 Windräder erfordern - ein Zehntel aller derzeit in Deutschland installierten Windkraftanlagen.
Gleichzeitig prognostiziert die Bundesnetzagentur eine Verdopplung des Nettostrombedarf bis 2050, was den Ausbau der erneuerbaren Energien weiter vorantreiben dürfte. Doch trotz des bisherigen Ausbaus kann Deutschland seinen aktuellen Strombedarf nicht decken und war 2023 erstmals seit 2002 wieder Nettostromimporteur.
Experten fordern angesichts dieser Herausforderungen einen neuen Planungsansatz, der systemische und regionale Aspekte stärker berücksichtigt. Ohne eine ganzheitliche Betrachtung und Abstimmung der verschiedenen Ziele der Energiewende drohen weitere Widersprüche und Ineffizienzen im deutschen Energiesystem.



