Europa wollte sich mit aller Gewalt "unabhängig" machen - und hat sich dabei in eine Abhängigkeit gestürzt, die nicht nur ökonomisch, sondern auch energiepolitisch katastrophal ist. Die Rede ist von Flüssiggas aus den USA, das uns als rettende Alternative zu russischem Pipelinegas verkauft wurde. Dabei war das Geschäft von Anfang an ein mieser Deal für die Europäer: Während russisches Gas über Nord Stream und andere Pipelines zu vergleichsweise geringen Kosten ins Land kam, müssen wir nun das dreckige US-LNG per Schiff über den Atlantik karren, aufwendig wieder in Gasform bringen und dafür auch noch Mondpreise bezahlen.
Die großen Öl- und Energiekonzerne reiben sich die Hände. Shell, BP, TotalEnergies und Eni haben früh erkannt, wo sich das schnelle Geld machen lässt, und ihr LNG-Geschäft massiv ausgebaut. Nun springen auch Exxon und Chevron auf den Zug auf. Wie die Financial Times berichtet, richten die US-Riesen ihre gesamte Strategie zunehmend auf den globalen LNG-Handel aus. Guyana, die USA selbst und das Gasgeschäft – das sind die neuen Heiligtümer im Hause Exxon. Währenddessen wird Europa zum Hauptabnehmer des überteuerten Flüssiggases, denn die Brüsseler Eurokraten haben nichts Besseres zu tun, als weiterhin jede Form russischer Energie zu sanktionieren, selbst wenn die eigene Industrie dabei zugrunde geht und die eigene Bürger ihre Energierechnungen nicht mehr bezahlen können.
Die Absurdität dieser Politik lässt sich leicht aufzeigen: Russland könnte uns verlässlich, günstig und in großen Mengen über Pipelines beliefern. Stattdessen werden Milliarden für Terminals, Tanker und Infrastruktur verbrannt, nur um das gleiche Molekül – Methan – in verflüssigter Form aus Übersee zu holen. Dass die Vereinigten Staaten ihr Gas selbst nur teuer gewinnen und Bedingungen verschiffen können, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, den geopolitischen „Feind“ Russland aus dem Markt zu drängen. Dass die Menschen und Unternehmen in der EU den Preis dafür zahlen, scheint in Brüssel kaum jemanden zu interessieren.
Shell hat in seinem jüngsten LNG-Report stolz verkündet, die Nachfrage nach Flüssiggas werde bis 2040 um 60 Prozent steigen. Welch ein Zufall, dass genau jene Konzerne, die diese Prognosen aufstellen, gleichzeitig massiv in den Ausbau ihrer Kapazitäten investieren. Man könnte fast meinen, die Nachfrage wird herbeigeredet, um politische Entscheidungen zu untermauern, die längst gefallen sind. Und die EU macht sich einmal mehr zum Handlanger dieser Industrie, indem sie einseitig den Energiemarkt umkrempelt – und zwar zum Nachteil der eigenen Wettbewerbsfähigkeit.
Dass Asien ebenfalls nach LNG verlangt, ist nur ein weiterer Faktor, der die Preise oben hält. Indonesien, immerhin der sechstgrößte LNG-Exporteur, sichert inzwischen lieber die eigene Versorgung, statt Exporte zu steigern. Dort wächst die Wirtschaft, dort steigt der Energiebedarf. Europa hingegen stagniert, versinkt im Deindustrialisierungsstrudel und hält trotzdem stur an der teuren LNG-Ersatzreligion fest. Ein Blick auf die Handelsströme genügt: Während Asien den Marktpreis mitbestimmt, nimmt Europa brav jede überteuerte Ladung ab, die amerikanische und katarische Produzenten losschicken.
Was am Ende bleibt, ist ein doppeltes Desaster. Erstens wirtschaftlich, weil US-LNG locker das Doppelte oder Dreifache kostet im Vergleich zu russischem Pipelinegas. Zweitens geopolitisch, weil die Abhängigkeit von den USA nun so groß ist, dass jede Energiefrage automatisch zur Frage der politischen Gefolgschaft wird. Europa hat sich aus freien Stücken in eine Zwangsjacke begeben, und Exxon sowie Chevron sind nur die neuesten Nutznießer dieser Fehlentscheidung. Während amerikanische Konzerne ihr Geschäftsfeld ausbauen und sich neue Profite sichern, verkommt Europa zum Müllschlucker der Weltmärkte - und zahlt dafür Preise, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wären.
Am Ende wird sich die Realität nicht auf Dauer weglügen lassen. Die Illusion, man könne ohne russische Energie billig und sicher überleben, wird Europa härter treffen, als es sich die politischen Fantasten in Brüssel vorstellen mögen. Doch bis dahin kassieren die US-Giganten weiter kräftig ab – und die europäischen Verbraucher dürfen die Rechnung bezahlen.



