In einem bemerkenswerten Interview mit der "Global Times" - ja, Sie lesen richtig, ausgerechnet mit dem Sprachrohr der chinesischen Staatsführung - zeichnet Mearsheimer ein Bild der Weltlage, das düsterer nicht sein könnte. Und ausnahmsweise muss ich dem alten Herrn aus Chicago Recht geben, auch wenn es schmerzt.

Seine Analyse ist so kristallklar wie beunruhigend: Die Welt hat sich von einer bipolaren über eine unipolare zu einer multipolaren Ordnung entwickelt. Klingt akademisch? Ist es auch. Aber die Konsequenzen sind es nicht. Denn seit 2017, so Mearsheimer, teilen sich die USA die globale Bühne zwangsläufig mit China und Russland - und das gefällt Washington überhaupt nicht.

Besonders brisant ist seine Kritik an der US-Außenpolitik im Ukraine-Konflikt. Mit der Subtilität eines Elefanten im Porzellanladen erklärt er die USA zum Hauptverantwortlichen für den Krieg. Der Grund? Die sture amerikanische Fixierung darauf, die Ukraine in die NATO zu hieven, trotz russischer Warnungen. Eine Politik, die er als "chaosfördernd" bezeichnet - ein Euphemismus, wenn Sie mich fragen.

Aber Mearsheimer wäre nicht Mearsheimer, wenn er nicht noch einen draufsetzen würde. Im Nahen Osten, so sein Urteil, versagt Washington auf ganzer Linie. Anstatt auf eine Zwei-Staaten-Lösung zu drängen und den Gaza-Konflikt einzudämmen, gießt Amerika weiter Öl ins Feuer.

Was seine Analyse so wertvoll macht, ist seine ungeschminkte Ehrlichkeit. Er sieht den sino-amerikanischen Konflikt nicht als Kampf zwischen Gut und Böse, sondern als tragische Konsequenz internationaler Machtpolitik. Eine erfrischend unideologische Sichtweise in Zeiten, in denen moralische Überlegenheit als außenpolitische Strategie verkauft wird.

Während seines China-Besuchs tat Mearsheimer das, was ein echter Wissenschaftler tun sollte: Er sprach unbequeme Wahrheiten aus, ungeachtet des Forums. Seine Warnungen vor einem möglichen heißen Krieg zwischen den USA und China sollten uns alle nachts wach halten.

Was bleibt, ist das Bild eines amerikanischen Professors, der in Peking seinen Landsleuten den Spiegel vorhält. Eine Ironie der Geschichte, die selbst einem hartgesottenen Zyniker wie mir ein Schmunzeln entlockt. Aber vielleicht braucht es genau solche Stimmen, um den Weg aus dem selbstverschuldeten Chaos zu finden.

Eines ist sicher: Mearsheimer mag ein Pessimist sein, aber er ist ein Pessimist mit Durchblick. Und manchmal ist ein unbequemer Mahner wichtiger als tausend gefällige Ja-Sager.