Die Inflation in Deutschland könnte bis Ende des Jahres 10% überschreiten, wenn die Gaslieferungen aus Russland unterbrochen werden, sagte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, das am Samstag veröffentlicht wurde.
"Wenn weiterhin russisches Gas nach Deutschland fließt, dürften wir bis Ende dieses Jahres eine Inflationsrate von etwa 8 % erreichen. Die Inflation wäre aber höher, wenn das Gas nicht mehr fließt. Dann sind 10 % oder mehr möglich", sagte Sewing.
Der Vorstandsvorsitzende wies darauf hin, dass der Verlust der Gaslieferungen aus Russland "erhebliche Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum in Deutschland hätte" und das Land "definitiv in eine Rezession abrutschen würde".
Mit den richtigen Zinserhöhungen und der richtigen Politik bestünde immer noch eine Chance, die Inflation im nächsten Jahr auf 5-6% zu senken und sich dann 2024 wieder dem eigentlichen Ziel von 2% zu nähern", merkte Sewig an. Solche Maßnahmen "brauchen jedoch Zeit, daher sollten wir den Menschen keinen falschen Eindruck vermitteln", fügte er hinzu.
Zum jüngsten Schritt der Europäischen Zentralbank (EZB), die Zinsen zu erhöhen, sagte er, die EZB bewege sich "in die richtige Richtung". "Währungsabwertung ist Gift für die Menschen. Ich bin dankbar, dass die EZB sich des Problems bewusst ist und nun ein klares Signal gegeben hat, den Zinssatz um 0,5 Prozentpunkte anzuheben. Wir sagen seit langem, eine höhere Inflation ist kein vorübergehendes Phänomen, mit dem man sich ernsthaft auseinandersetzen muss", betonte Sewing.
Er warnte jedoch: das Schlimmste für die deutsche Wirtschaft könnte noch bevorstehen. "Die größte Belastung für viele Menschen steht noch bevor. Wenn die monatlichen Ausgaben die Einnahmen übersteigen, werden die Menschen weniger konsumieren und auch die Stimmung im Lande wird sich verschlechtern. Umso wichtiger ist es, dass frühzeitig die richtigen Maßnahmen ergriffen werden", so der Banker.
Die Inflation in Deutschland ist in diesem Monat sprunghaft angestiegen und lag im Juli bei 8,5 % im Jahresvergleich, nachdem sie im Juni aufgrund der staatlichen Entlastungsmaßnahmen auf 8,2 % gesunken war. Dies geschah vor dem Hintergrund hoher Lebensmittelpreise und steigender Energiekosten, die das Land weiterhin plagten.
In einer von der Bild-Zeitung Anfang des Monats veröffentlichten Umfrage gab die Hälfte der Befragten an, dass sie das Gefühl haben, dass sich ihre wirtschaftliche Lage verschlechtert, dass sie die steigenden Preise als große Belastung empfinden und befürchten, dass sie ihre Häuser in diesem Winter nicht heizen können.
Anfang dieses Monats gab die Deutsche Bank eine Rezessionswarnung für Europas größte Volkswirtschaft für die zweite Hälfte dieses Jahres heraus und veröffentlichte eine Prognose für einen Rückgang des BIP um 1 % im Jahr 2023.



